Im Anschluss an sein vielbeachtetes Buch "Die politische Differenz" legt Oliver Marchart nun die komplementäre Studie zum Begriff der Gesellschaft vor. Es gibt schlechterdings kein Konzept, das unter Sozialwissenschaftlern umstrittener wäre als der eigene Grundbegriff. Gilt er den einen als unverzichtbar, so halten ihn die anderen für überflüssig oder gar schädlich. Entlang der Kämpfe um dieses so notwendige wie unmögliche Objekt "Gesellschaft" präsentiert der Autor eine alternative Geschichte der Sozialwissenschaften von Durkheim bis in die Gegenwart. Zugleich wird erstmals eine systematische Zusammenschau der jüngsten "poststrukturalistischen" Sozialtheorien von Foucault über Latour bis Laclau geleistet.
Als "Fred Astaire der Theorie" bezeichnet Isolde Charim den Sozialwissenschaftler Oliver Marchart. Um eine Erklärung ist sie nicht verlegen: Bei Astaire hat disziplinierte Arbeit den Anschein souveräner Leichtigkeit und ganz ähnliches beobachtet sie auch bei Marchart, der, wie Charim weiter ausführt, mit seinem neuen Buch Begriff und Theorie der Gesellschaft wahren und vor den Angriffen von Neoliberalismus und Postmoderne verteidigen will. Dazu sichtet und sortiert er zum einen die Geschichte der Sozialwissenschaft neu - auf übrigens exzellente Weise, wie die Kritikerin versichert -, zum anderen erarbeitet sich Marchart einen politischen Standpunkt, von dem aus er gesellschaftliches Handeln neu fassen will: So geht es ihm um eine postfundamentalistische Gesellschaft, die sich zwar nicht mehr auf Gott oder die Historie beruft, aber dennoch eine referenzierbare Basis für ihr Bestehen benötigt. Marchart will auf die These hinaus, dass Proteste "Einsatz und Medium des Gesellschaftlichen" in einem sind - und das, findet Charim, lohnt allemal die Diskussion.
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