Oksana Sabuschko

Museum der vergessenen Geheimnisse

Cover: Museum der vergessenen Geheimnisse
Droschl Verlag, Wien 2010
ISBN 9783854207726
Gebunden, 760 Seiten, 29,00 EUR

Klappentext

Oksana Sabuschkos zweiter Roman ist eine schonungslose, mutige und manchmal schockierende Abrechnung mit den gesellschaftlichen Verhältnissen der Ukraine. In einem komplexen Panorama erzählt sie die Geschichte dreier Frauen und damit auch die schwierige und verworrene Geschichte der Ukraine im 20. Jahrhundert. Daryna ist Fernsehproduzentin in Kiew. Eines Tages entdeckt sie ein Foto der Partisanin Helzja, Mitglied der Ukrainischen Aufstandsarmee in den 40er Jahren, und beschließt, ihre Geschichte in einer Dokumentation aufzuarbeiten, umso mehr, als sie sich im Zuge ihrer Recherchen in Helzjas Enkel verliebt. Fast zur selben Zeit kommt Darynas beste Freundin bei einem Unfall ums Leben, die Malerin Wlada, deren international hoch gehandelte Gemäldeserie "Geheimnisse" bei diesem Unfall verschwindet. Geheimnisse - vor den Bolschewiken vergrabene Ikonen, geheimniskrämerische Mädchenspiele, von der offiziellen Geschichtsschreibung Verschwiegenes, das Unausgesprochene zwischen Männern und Frauen - dieses Motiv durchzieht den Roman, der eine Mentalitätsgeschichte eines paradigmatischen osteuropäischen Landes darstellt.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.05.2011

Mit Befremdung und Antipathie nimmt Sabine Berking diesen Roman auf. Ein Nationalepos werde hier gestrickt, ein Opfermythos über die dunkle Geschichte der Ukraine im 20. Jahrhundert, der zugleich die Beteiligung von Ukrainern an den schlimmsten Verbrechen der Ära verschweige. Da hilft es auch nicht, dass die Geschichte dreier ukrainischer Frauen in der unmittelbaren Nachkriegszeit und der Gegenwart postmodern verbrämt wird. Noch weniger überzeugt Sabine Berking die überdies hineingewobene Geschichte einer jüdischen Partisanin, die den ukrainischen Widerstand unterstützt, bevor sie zum Selbstopfer schreitet. Interesse weckt der Roman bei Berking nur insofern, als er als Lehrstück für neue Geschichtsmythen der osteuropäischen Transformationsgesellschaften gelesen werden könne.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 14.04.2011

Puh, dieses Buch ist so einiges: eine vielstimmige Geschichte, ein 760 Seiten langer Wutausbruch, ein "hochkomplexer" Liebesroman und eine Erinnerung an die Ukraine der vorsowjetischen Ära, so Rezensentin Stefanie Flamm. Konkret geht es um eine junge Fernsehredakteurin, die durch eine Intrige ihren Job verliert und jetzt einen Film machen will, in dem die Biografien einer von den Sowjets ermordeten Partisanin und einer Anfang der Neunziger unter ungeklärten Umständen ums Leben gekommenen Künstlerin die beklagenswerte Geschichte der Ukraine erzählen. Flamm ist beeindruckt von der Wucht und Komplexität dieses "sprachgewaltigen, zornig dahingaloppierenden" Romans. Umso mehr ärgert sie sich über die Schlusspointe. Da hätte das Buch besseres verdient.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 04.11.2010

Mitgerissen und begeistert zeigt sich Ilma Rakusa von Oksana Sabuschkos epischem Roman, der sozialistischer Vergangenheit und postkommunistischer Gegenwart der Ukraine das Verdrängte und Verschwiegene entlockt. Im Mittelpunkt steht die Journalistin und Fernsehmoderatorin Hoschtschynska, die das Schicksal einer 1947 an die Sowjets verratenen Partisanin erforscht und sich im Zuge dessen in deren Großneffen verliebt, erfahren wir. Er sei "Gesellschafts-, Familien- und Liebesroman" in einem, der sich mit aufklärerischem Furor zur Aufgabe mache, die historischen und gegenwärtigen Geheimnisse der Ukraine aufzuspüren, lässt die tief beeindruckte Rezensentin wissen. Sie ist äußerst fasziniert, wie sich bei Sabuschko die Handlungsfäden über die Zeiten hinweg verknüpfen und bewundert die enorm "mitreißende Kraft", die die Leser bis zum Schluss in Atem hält. Ein großer Geschichtsroman, eine berührende Liebesgeschichte und eine scharfe Gegenwartsanalyse hat Rakusa in diesem Roman gefunden, der sie höchst fasziniert hat.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 27.10.2010

Katharina Granzin schätzt die ukrainische Autorin Oksana Sabuschko sehr, aber mit ihrem neuen Roman hat sie ihre Schwierigkeiten. Für den Geschmack der Rezensentin arbeitet Sabushko darin zu gewollt an einem neuen ukrainischen Nationalmythos, und zwar in feministischer Variante. Der Roman erzählt von einer Journalistin Dayna, die einerseits dem mystischen Werk einer verstorbenen Künstlerin nachgeht, bei dem von Frauen in der Erde vergrabene Ikonen eine Rolle spielen, und die sich andererseits in Adrian verliebt, den Neffen einer heldenhaften Partisanin. Mit beiden sei Daryna durch einen großen Bewusstseinsstrom verbunden, sie tritt mit der toten Künstlerin in Kontakt und beeinflusst die Träume Adrians. Erzählerisch, versichert Granzin, ist das alles nachvollziehbar, schreiben kann Sabuschko schließlich und auch über 800 Seiten bei Atem bleiben. Aber politisch überzeugt Granzin dieses Projekt gar nicht. Das ist ihr zu "esoterisch", erst recht mit dem Rückgriff auf die "mythische weibliche Kraft".

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