Norbert Gstrein

Eine Ahnung vom Anfang

Roman
Cover: Eine Ahnung vom Anfang
Carl Hanser Verlag, München 2013
ISBN 9783446243347
Gebunden, 352 Seiten, 21,90 EUR

Klappentext

Auf dem Bahnhof in einer abgelegenen Provinzstadt wird eine Bombe gefunden. Ein Lehrer glaubt auf einem Fahndungsfoto seinen Lieblingsschüler Daniel zu erkennen, der sich nach einer Israel-Reise in religiöse und politische Phantastereien verrennt. Ist Daniel dem amerikanischen Endzeitprediger verfallen, der eines Tages in ihrem Ort aufgetaucht war und dann nach Jerusalem ging? Oder hat ein gemeinsamer Sommer den Jungen auf Abwege geführt, als der Lehrer und Daniel ganze Tage außerhalb der Zeit verbrachten?

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 09.01.2014

Rezensentin Marie Schmidt kann sich gut vorstellten, welchen Grundprinzipien Norbert Gstrein mit seinem Roman "Eine Ahnung vom Anfang" folgt: die Sprache hat ihre Grenzen, wobei sie nicht nur ausschließt, sondern auch zuweilen ihre eigenen Gegenstände erst erschafft, die sprachliche Deutung der Wirklichkeit ist also ebenso begrenzt, wie die Lebensentwürfe, die wir an sie koppeln, fasst Schmidt zusammen. Abgehandelt wird dieses Programm aus der Perspektive eines Lehrers, der befürchtet, ein ehemaliger Schüler könnte die Bombenattrappe gelegt haben, die am Bahnhof entdeckt wurde, so Schmidt. Das Ergebnis wirkt auf die Rezensentin - bei allem Respekt für die feine Konstruktion, wie die sie betont - ein wenig ostentativ und eitel.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.10.2013

Wie Norbert Gstrein es fertig bringt, in diesem "lebensklugen" Roman die literarische Figur des Kauzes mit dem Motiv des Rückzugsidylls in den Bergen auf variantenreiche Art zu verbinden und sozusagen zu erneuern, indem er mit der religiösen Selbstüberhöhung ein aktuelles Thema druntermischt, gefällt Ernst Osterkamp ausnehmend gut. Das komplexe atmosphärisch dichte Beziehungsdreieck aus Lehrer, Bruder und Schüler, das der Autor entwirft, und zwar so, dass Osterkamp stets die Übersicht behält und die Spurensuche der Figuren nach dem jeweils anderen und nach sich selbst halten den Rezensenten bei der Stange, weil Gstrein nicht auf Eindeutigkeiten aus ist, sondern das Geheimnis pflegt. Dass es am Ende doch zu einer Art Selbstfindung des Erzählers kommt, ist für Osterkamp fast zu schön um wahr zu sein, aber nur, weil Gstrein so schön davon zu erzählen weiß.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 10.08.2013

Gut möglich, dass der ohnehin schon hervorragende Norbert Gstrein mit diesem Heimatroman sein bislang bestes Werk vorgelegt hat, findet Christoph Schröder. Vor allem, dass Gstrein, den der Rezensent für seine Sprache und sein Talent zur literarischen Konstruktion sehr schätzt, hier gar nicht erst mit den Muskeln spielen muss, rechnet er ihm hoch an. Gelungen ist ihm mit dieser, aus der Ich-Perspektive verfassten Erinnerungserkundung eines Lehrers, der fürchtet einem ihm einst nahen Schüler auf den Irrweg des Terrorismus gebracht zu haben, ein "großer Roman über geistige Verführung, Ideologieanfälligkeit und die Brüchigkeit von Erinnerungen", der auf Idyllen und Bernhard'sche Tiraden wider die Heimat gleichermaßen verzichtet. Vielmehr geht es im Kern um den Einfluss, den Bücher auf das Leben eines Lesers nehmen.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 09.08.2013

Norbert Gstreins ganzer Roman "Eine Ahnung vom Anfang" ist geprägt von Distanzen, erzählt Joseph Hanimann: die zwischen Lehrer und Schüler, zwischen der Welt wie sie ist und der Welt wie sie sein sollte, zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Ein vereinsamter Lehrer sieht in der Zeitung das Bild eines Mannes, der im Bahnhof seiner Heimatstadt eine Bombenattrappe mit der Aufschrift "Kehret um! Erste und letzte Warnung!" gelegt hat, und glaubt, einen ehemaligen Schüler in dem Täter zu erkennen. Die Erzählung verstrickt sich in ein "Gestrüpp aus Gegenwart und Vergangenheit", aus Erinnerungen und Fantasien, in dem erst mit der Zeit so etwas wie eine Geschichte der beiden Protagonisten erkennbar wird, erklärt der Rezensent. Dieser ungrade, lose Erzählverlauf birgt für Hanimann aber die Gefahr des "narrativen Durchhängens", auf einige Episoden hätte der Autor gut verzichten können, meint er.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 30.07.2013

Andreas Breitenstein genießt den Ausnahmezustand, dem er sich beim Lesen des neuen Romans von Norbert Gstrein ständig ausgesetzt sieht. Breitenstein erklärt das Besondere des Buches mit dem Fehlen einer Mitte, dem dauernden Aufbrechen neuer Konstellationen und Spannungsfelder und der relativen Unbestimmtheit der Figuren. Dass sich all das auch gegen das Buch wenden lässt, ist dem Rezensenten klar. Allerdings hält er den Autor für viel zu bedacht und elegant in der Umsetzung seiner poetischen Prämissen, als dass er dem Roman die Klasse absprechen könnte. Eine Klasse, die für Breitenstein vor allem darin begründet liegt, wie hier ein gewichtiger Stoff (u. a. geht es um Heimat, Exil, Trauma und Befreiung) und eine komplexe Konstruktion eine perfekte Verbindung eingehen.
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