Niklas Luhmann

Organisation und Entscheidung

Westdeutscher Verlag, Opladen, Wiesbaden 2000
ISBN 9783531134512
Gebunden, 478 Seiten, 34,77 EUR

Klappentext

Organisationsbildung setzt eine Erkennungsregel voraus, die erlaubt festzustellen, welche Handlungen und unter welchen Aspekten sie als Entscheidungen der Organisation zu gelten haben. Diese Erkenntnisregel ist zunächst und vor allem eine Mitgliedschaftsregel. Sie legt fest, wer als Mitglied des Systems angesehen wird und in welchen Rollen diese Mitgliedschaft ausgeübt werden kann. Durch Personalauswahl und Rollendefinition wird die Organisation gegen das sie umgebende sonstige Soziale abgegrenzt und ausdifferenziert. 35 Jahre nach der erstmaligen Veröffentlichung von "Funktionen und Folgen formaler Organisation" schließt "Organisation und Entscheidung" das Gesamtwerk Niklas Luhmanns mit einem weiteren Grundlagenwerk zur soziologischen Theorie formaler Organisationen ab.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 30.08.2000

In einer Sammelrezension bespricht Niels Werber die drei nachgelassenen Bände "Die Religion der Gesellschaft", "Die Politik der Gesellschaft" (beide bei Suhrkamp) sowie "Organisation und Entscheidung" (Westdeutscher Verlag), ohne im einzelnen zwischen den Bänden zu unterscheiden. Zunächst legt Werber dar, dass Luhmann mit diesen Werken seine Theorie abschließt und in gewisser Weise auch krönt, denn nach Werber muss man die Sphären der Politik, also des Souveräns, und der Religion, also Gottes, zumindest im landläufigen Sinn als die alles überwölbenden ansehen - während Luhmann (und mit ihm Werber) allerdings betont, dass gesellschaftlichen Subsysteme wie Religion und Politik, aber auch Wissenschaft oder Kunst, ihre Autonomie haben. Besonderen Wert legt Werber in seiner Besprechung darauf, dass Luhmann Oberbegriffe wie Religion oder Politik, die für ihn gesellschaftliche Systeme bezeichnen, scharf unterscheidet von "Organisationen" wie Kirche oder Parlament - auch wenn sich diese Organisationen selbst gern mit den Sphären, innerhalb derer sie existieren, in eins setzen. Hier geht Werber besonders auf die "Kontrollillusion" der Politiker ein, die ernstlich glauben, in andere gesellschaftliche Systeme wie etwa die Wirtschaft eingreifen zu können. Folgt man Werbers Darstellung von Luhmanns System, so bewegen sich Politiker (aber parallel etwa auch Kirchenleute) dagegen wie Goldfische in einem Aquarium und verwechseln es mit der Welt. Indirekt ist daraus zu schließen, dass erst ein Politiker, der Luhmann versteht, versteht, was er ist - wir sehen schon vor unserem innern Auge, wie die Bundestagsabgeordneten an ihren Parlamentsbänken heimlich den Luhmann aus der Tasche holen, um ihn zu studieren!

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 17.06.2000

Dieses Buch des Rechts- und Sozialwissenschaftlers, der in den fünfziger Jahren als Verwaltungsjurist im niedersächsischen Kulturministerium gearbeitet hat, ist posthum erschienen und mit ihm, so schreibt Rezensent Detlef Horster, "schließt sich der Kreis". Damit ist gemeint, dass Luhmann hier zum ursprünglichen Gegenstand zurückgekehrt ist, dessen Untersuchung ihn zur Formulierung einer Gesellschaftstheorie gebracht hat, nämlich zum Nachdenken über die Beständigkeit von Organisationen. Hier wendet er wiederum auf Organisationen an, was er als gesellschaftstheoretischen "Überschuss" aus seinen ersten Überlegungen zu Organisationsstrukturen gewonnen hatte. So erfährt man nun, dass zwangsläufig eine "Infantilisierung" von Mitarbeitern großer Organisationen stattfindet. Denn die täglich zu treffenden Entscheidungen müssen von Unsicherheiten gefeit sein, weshalb etwas "so gemacht wird, wie wir es immer gemacht haben". Luhmann unterscheidet dabei zwischen Konditionalprogrammen (beispielsweise Katastrophenschutz) und Zweckprogrammen (z.B. die Realisierung eines Großprojektes ), sie bilden gewissermaßen das "positive Recht" von Organisationen, die Akten ihr "Gedächtnis" usw. Horster beschränkt sich in seiner Rezension im wesentlichen auf die Einordnung dieses Textes in das Gesamtwerk Luhmanns sowie eine Inhaltsangabe. Und komischerweise klingt das alles ziemlich flach, obwohl man doch über Luhmann auch heute noch - oder wieder - trefflich streiten könnte.
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