Nicole Krauss

Das große Haus

Roman
Cover: Das große Haus
Rowohlt Verlag, Reinbek 2011
ISBN 9783498035532
Gebunden, 375 Seiten, 19,95 EUR

Klappentext

Aus dem Amerikanischen von Grete Osterwald. 25 Jahre lang arbeitet eine Schriftstellerin aus New York an einem Schreibtisch, den sie von einem in den Folterkellern Pinochets gestorbenen Chilenen geschenkt bekam. Eines Tages kommt ein junges Mädchen, das behauptet, die Tochter des Chilenen zu sein, und holt ihn ab. Von da an klappt nichts mehr im Leben der Schriftstellerin. Sie macht sich auf, das Möbel zu suchen, und trifft im fernen Israel auf einen Mann, der das Arbeitszimmer seines von den Nazis umgebrachten Onkels rekonstruiert.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 05.05.2011

Ulrich Sonnenschein gibt sich als Bewunderer Nicole Krauss' zu erkennen. An den Erfolg ihres letzten Romans ("Die Geschichte der Liebe") anzuknüpfen hätte "Das große Haus" zweifellos verdient, wenn man der Einschätzung des Rezensenten glauben darf. Den einzigen Unterschied macht er in der nunmehr durchgehenden "melancholischen Ernsthaftigkeit" aus. Über den Inhalt verrät Sonnenschein, dass ein schubladenreicher Schreibtisch vier Erzählstränge miteinander verknüpft, die unterschiedliche Erzähler und Protagonisten besitzen, auf verschiedenen Erdteilen angesiedelt sowie in jeweils andere Epochensettings eingelassen sind. Dabei nötigt Sonnenscheins Souveränität und Flexibilität im Umgang mit der historischen Kulisse dem Rezensenten größten Respekt ab. "Ungeheuer beeindruckend" sei überdies die sprachliche Aufbereitung des Stoffs. Und um Stoff handelt es sich laut Kritik in einem mindestens zweifachen Sinne, "umgarnen" doch die aphorismenartigen Wendungen der Autorin "den narrativen Faden, bis daraus ein dichtes Gewebe entsteht".

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 08.02.2011

Im Zentrum des Buches von Nicole Krauss entdeckt Tilman Urbach einen Schreibtisch. Anhand dieses Möbels führt ihn die Autorin durch verschiedene Zeiten und Lebensgeschichten, die laut Urbach vielleicht autobiografisch sind, sicher jedoch aus dem Erfahrungshorizont ihrer jüdischen Familie stammen. Hübsche Idee, findet Urbach, weiß allerdings nicht so recht, ob das schon ausreicht, um seine Leseerwartung zu befriedigen. Nach einer Substanz, einem Ziel des Buches schaut er sich vorerst ohne greifbares Ergebnis um. Immerhin wehen ihn dunkle Stimmungen an und eine Ahnung von Seelenmarter, die eine leichte Sprache allerdings sogleich ins angenehm Melancholische verwandelt, wie Urbach einräumt. Rätselhaft bleibt ihm der Text dennoch. Oder ist es genau das, was er auslöst: Das Gefühl des Unfasslichen, Mysteriösen? Mutig erscheint es ihm allemal, so zwischen Klischee und dem "bestürzend Anderen" entlang zu schreiben.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 05.02.2011

Rezensentin Susanne Messmer ist zunächst einmal damit beschäftigt, die negative Kritik zu analysieren, mit der die Feuilletons Nicole Krauss' neuen Roman "Das große Haus" überschüttet haben. "Zu schön, zu begabt, zu berühmt" sei die - zu allem Übermaß auch noch mit Jonathan Safran Foer verheiratete - Autorin offenbar, um eine unvoreingenommene Einschätzung ihrer literarischen Qualitäten zu erfahren. Den Vorwurf der Redundanz und Sentimentalität kann Messmer nicht teilen; vielmehr bewundert die Rezensentin - in feministischer Lesart - in erster Linie das Talent der Autorin, einen so schwierigen und gleichermaßen "vitalen" Roman während der Stillzeit verfasst zu haben und legt ihn vor allem Lesern ans Herz, die sich in solchen Doppelbelastungen wiedererkennen. Darüber hinaus lobt die Kritikerin die kompliziert verwobene Handlung dieses Montageromans, in dessen Mittelpunkt ein alter Schreibtisch steht, der mit den zahlreichen Protagonisten verbunden ist. Messmer "hängt" geradezu "an den Lippen" der Autorin, die mit beachtlicher Leichtigkeit die oftmals schweren Erinnerungen, welche die Figuren an das Möbelstück binden, schildere.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 25.01.2011

Was in Amerika für Begeisterung gesorgt hat und auch hier mit Pomp zelebriert wurde, wie der Rezensent behauptet, kann Christopher Schmidt selbst nicht überzeugen. Er hegt die Vermutung, dass die Geschichte eines Schreibtisches, der einst zum Fluchtgepäck eines vor den Nazis fliehenden Juden gehörte und nun von seinem Sohn gesucht wird, aus lauter Schubladenmaterial der amerikanischen Autorin recycelt ist. Denn das Handlungsgerüst findet der Rezensent fragwürdig, wenn nicht gar mutwillig, die fünf Ich-Erzähler, die den Roman erzählen, haben in seinen Augen keine eigene Stimme, wie er moniert. Manches klingt ihm in den Ohren wie frisch aus dem "Schreibseminar", so manche Passage schreckt ihn mit Pathos oder Sentimentalität. Wäre das nicht schon schlimm genug, findet auch die Übersetzung keine Gnade beim unzufriedenen Rezensenten, der mitunter gar den Eindruck hat, dass hier kein Muttersprachler am Werk war. Man kann hier wohl mit Fug und Recht von einem Verriss sprechen.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 20.01.2011

Oh oh. Schwerer Verriss. Marie Schmidt scheint sich schon länger über Nicole Krauss und den Erfolg ihrer Romane geärgert zu haben. Für den neuesten Roman hat sich Schmidt den Aufmacher der Literaturseiten gesichert, um einmal zu dekonstruieren, wie wenig Sinn all die gedanklichen Gebäude ergeben, die Krauss so bedeutungsschwer errichtet. In "Das große Haus" verbindet Krauss verschiedene Geschichten von einem chilenischen Exil-Lyriker, einer New Yorker Schriftstellerin in der Sinnkrise, einem sich vor dem Tod fürchtenden Vater in Israel und einem britischen Literaturprofessor mit dementer Frau. Allerdings nur über ein Möbelstück, einen Schreibtisch, der in den Augen der Rezensentin einen Zusammenhang andeuten soll, den zu formulieren sich die meisten Autoren zurecht im 20. Jahrhundert abgewöhnt hättten, so allumfassend und monströs würde er sein. Nein nein, all diese schweren Sujets und die superereignisreiche Innerlichkeit der Romanfiguren, die sich alle gleichermaßen intensiv reflektieren können, sind die Sache der Rezensentin nicht. Damit geht es ihr wie mit vielen Interviewaussagen der Autorin, die den gleichen Effekt wie Horoskope oder Weisheiten in Poesiealben haben: Man glaubt, sie betreffen einen, aber dann verpuffen sie recht schnell ob ihrer Unverbindlichkeit.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.01.2011

Mit ihren ersten beiden Romanen hat Nicole Krauss große Erfolge gefeiert. Der Rezensentin Felicitas von Lovenberg gefielen sie gut. Mit dem jüngsten nun hat sie, auch wenn sie das Können der Autorin immer wieder aufblitzen sieht, ihre Probleme. Allzu viele Geschichten werden hier erzählt und zwar mit gewisser Mühe motivisch verknüpft, inhaltlich aber nicht. Dafür steht ein Dingsymbol - ein Schreibtisch - im Mittelpunkt, das durch die Geschichten wandert und mit allerlei Schicksalen von Exil und Verfolgung beladen wird. Wirklich originell sei daran allerdings nicht so viel. Und sprachlich findet Lovenberg den Roman außerordentlich uneben: neben mancher brillanten Formulierung geht für ihre Begriffe so manches ganz schön daneben.