Moritz Baßler

Der deutsche Pop-Roman

Die Neuen Archivisten
Cover: Der deutsche Pop-Roman
C. H. Beck Verlag, München 2002
ISBN 9783406476143
Paperback, 222 Seiten, 12,90 EUR

Klappentext

Zum ersten Mal seit langer Zeit macht es wieder Spaß, deutsche Literatur zu lesen. Die jungen Autoren der sogenannten Pop-Literatur proben - auf ganz unterschiedliche Weise - einen neuen Umgang mit dem marken- und mediendominierten Erscheinungsbild unserer Gegenwart. Sie schreiben das kulturelle Archiv dieser Gegenwart fort und um (Andreas Mand), analysieren einzelne Aspekte davon (Thomas Meinecke) oder bewegen sich souverän im Netz seiner Enzyklopädien und Sprachspiele (Benjamin von Stuckrad-Barre). Das öffentliche Thema der 90er Jahre: Erinnerung, Fortbestand der Altlasten deutscher Geschichte in der Berliner Republik, wird von dieser Generation vermieden oder auf neue Weise angegangen (Thomas Brussig). Die Qualität dieses Erzählens zeigt sich im Kontrast zur zeitgleichen E-Literatur (Handke, Hilbig, Müller) und zum sogenannten Neuen Erzählen (Bernhard Schlink).

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 02.10.2002

Der Rostocker Germanist Moritz Baßler hat eine "hervorragende Untersuchung über die 'neuen Archivisten' des Pop" vorgelegt, findet Hubert Winkels. Er zeichnet zunächst die junge Begeisterung des Autors für Pop-Literatur nach, die in dem Buch einleitend als eine Art Coming-Out ausgeführt werde. Das Besondere an Autoren wie Max Goldt oder den Romanen von Andreas Mand sei für Baßler, dass ebenjenes Besondere, "das eine einmalige, individuelle Perspektive zur Welt ausmacht", fehlt. Der Kern dieses Buchs ist für Winkels eine Theorie der neunziger Jahre - eine Auseinandersetzung mit den literarischen Werken, "die an der Neukonstituierung der kulturellen Archive arbeiten". Das Buch ist in einem "locker auf die verschiedenen Felder ausgreifenden Ton geschrieben, ... nah an den Texten, doch ohne an Stringenz einzubüßen", so der Rezensent. Besonders ungewöhnlich für einen Germanisten und durchaus kurzweilig findet Winkels die "konkreten Kitsch- und Schwurbelvorwürfe gegen die abgelehnte Literatur-Literatur" von Christa Wolf, Wolfgang Hilbig und anderen zeitgenössischen Autoren. Eine kleine Schwachstelle gibt es Winkels zufolge hinsichtlich Baßlers Anspruch, eine neue Romantheorie zu konstruieren: Am Ende lasse sich erkennen, dass Baßler zu sehr Literaturwissenschaftler als Popveteran sei, um das Profane in den kanonischen Raum der Hochkultur zu führen.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 27.07.2002

Nach Hype und Kritik der Pop-Literatur in den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts liegt mit Moritz Baßlers Buch nun die wissenschaftliche Untersuchung des Phänomens vor. Und die macht vor allem eines: gute Laune. "Es macht einfach Spaß, sein Buch zu lesen", freut sich Rezensent Sascha Michel. Er hebt hervor, dass Baßler im Unterschied zur üblichen Literaturkritik und -wissenschaft die Texte der Popliteraten als Literatur ernst nimmt. Popliteratur generiert für Baßler einen Katalog, fasst Michel dessen Hauptthese zusammen, "der sich vor allem aus den Paradigmen der Warenwelt und Popkultur, aus Diskursen also und nicht dem Leben selbst speist" - Literatur wird so zu einer "Archivierungsmaschine". Baßler konstatiert in der Pop-Literatur einen literarischen Paradigmenwechsel, den er in ihrer "Poetologie der Oberfläche" begründet sieht, berichtet Michel. Er hebt insbesondere lobend hervor, dass Baßler seine Thesen immer wieder an literarischen Beispielen veranschaulicht, wobei er eine beeindruckende Zahl von Texten einbezieht. Fazit des begeisterten Rezensenten: "eine Art Standardwerk über die jüngste Gegenwartsliteratur insgesamt".

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 14.06.2002

In seinem Buch "Der deutsche Pop-Roman" liefert Moritz Baßler zur Freude von Rezensent Andreas Bernard eine "literaturgeschichtlich gedeckte Positionsbestimmung" der deutschen Pop-Literatur. Wie Bernard ausführt, geht es der Pop-Literatur nach Baßlers Deutung um eine Art "sekundären Realismus": nicht das mimetische Abbilden einer Individualgeschichte stehe im Blickpunkt, sondern das Zusammenstellen einer Enzyklopädie, anstelle von Gegenständen werde von den Redeweisen über diese Gegenstände erzählt, referiert Bernard die zentrale These Baßlers. Das große Verdienst der Popliteratur erblickt Baßler darin, dass sie der Gegenwartsliteratur Gegenwart eingeflößt hat - ein Befund, dem der Rezensent voll und ganz zustimmt. Was Bernard allerdings ein wenig auf die Nerven geht, sind Baßlers stilistische Brüche. Neben "abgelegenster strukturalistischer Terminologie" finden sich laut Rezensent jede Menge "Flapsigkeiten", so als ob der Autor beweisen wollte, dass er sowohl auf akademischen, als auch auf popkulturellen Parkett sicher ist. Abgesehen davon lobt Bernard Baßlers Untersuchung der Pop-Literatur als "wohltuende Ausnahme" in der Diskussion um dieses Genre.
Lesen Sie die Rezension bei buecher.de

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 30.05.2002

Moritz Baßler ist es gelungen, mit seiner "essayistischen" Abhandlung über die deutsche Pop-Literatur ein sowohl "lesenswertes", als auch "lesbares" Buch über die Bedeutung von Pop für das Leben und die eigene Lebensführung zu schreiben, findet Frank Schäfer. Auf den Inhalt geht der Rezensent in seiner Besprechung nicht näher ein, sondern stellt stattdessen die strukturelle und biografische Funktion von populärer Musik heraus. In der Pop-Literatur, meint Schäfer, geht es nicht um den "großen Wurf" der "geschlossenen Form" wie in der Literatur im allgemeinen, sondern um eine "Literatur der kleinen Schritte", in denen sich viele Lebensmomente widerspiegeln, die untrennbar mit dem Genuss und intensiven Erleben von Musik verbunden sind.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 30.05.2002

Noch mal über Popliteratur reden? fragt widerwillig Dirk Knipphals, muss dann aber eingestehen, dass der Ansatz des Germanisten Moritz Baßler, das Phänomen Pop in der Literatur als "Änderung des Literaturverständnisses selbst" zu lesen, doch einiges für sich hat. Analytisches Gewicht attestiert Knipphals der These vom Paradigmenwechsel hin zu einem "neuen Archivismus"; genaue Textarbeit führt den Autor zu Ergebnissen, die quer stehen zur gängigen Literaturkritik, und hin zu einem Kanon (von Max Goldt bis Stuckrad-Barre), "den MRR auch nicht mit spitzen Fingern anfassen würde". Dass auch diese Studie die Popliteratur nicht wieder lebendig macht, ist dem Rezensenten sonnenklar, das Aha-Erlebnis der Lektüre ergibt sich für ihn indes aus dem Vergleich der "Gebrauchstexte" mit der sogenannten Hochliteratur (Strauß, Handke etc.): Erkennbar wird, "dass man in der gegenwärtigen Literatur nicht über eine Zweitbearbeitung der Diskurse hinauskommt, dass es keinen archimedischen Ort jenseits dieser Diskurse gibt".