Michael Tomasello

Die Ursprünge der menschlichen Kommunikation

Cover: Die Ursprünge der menschlichen Kommunikation
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2009
ISBN 9783518585382
Gebunden, 409 Seiten, 39,80 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Jürgen Schröder. Mit Abbildungen. Menschen sprechen - im Gegensatz zu allen anderen bekannten Lebewesen auf diesem Planeten. Generationen von Wissenschaftlern haben sich an diesem bemerkenswerten Faktum abgearbeitet, Spekulationen über die Herkunft der menschlichen Sprache gibt es viele, aber bis heute keine überzeugende Erklärung. Gestützt auf reiches empirisches Material aus der Primaten- und Säuglingsforschung und die einflussreichsten Theorien der Sprachphilosophie sowie anhand einer Vielzahl von schlagenden Beispielen aus der menschlichen Alltagskommunikation präsentiert Tomasello ein mehrstufiges Modell der Sprachentwicklung in individualgeschichtlicher wie auch artgeschichtlicher Perspektive.
Zentrale Gelenkstelle in diesem Modell sind Gesten - Zeigen und Pantomime -, die sich im Zuge der Herausbildung sozialer Kooperation unter Primaten evolutionär entwickelt haben. In diesen Gesten erkennt Tomasello die Urformen der menschlichen Sprache. Um von diesen gestischen Vorformen zu einer komplexen sprachlichen Kommunikation zu gelangen, die dann kulturell kodiert, tradiert und verfeinert werden kann, bedarf es allerdings noch einer weiteren biologisch verankerten, aber exklusiv menschlichen Voraussetzung: einer "psychologischen Infrastruktur geteilter Intentionalität". Diese sorgt dafür, dass Menschen ihre Wahrnehmungen und Absichten untereinander abstimmen und zum Bezugspunkt ihres gemeinsamen Handelns machen können. Der Mensch spricht, so könnte man sagen, weil er ein genuin soziales Wesen ist.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 10.12.2009

Jürgen Habermas höchstselbst bespricht im Feuilleton-Aufmacher dieses Buch des in Leipzig am Max-Planck-Institut forschenden Michael Tomasello. Der Evolutionsanthropologe verbindet in seinen Forschungen Entwicklungspsychologie, Sprachforschung und Primatenforschung, um der Entwicklung der Sprache auf die Spur zu kommen. Wie Habermas in seiner sehr dichten, aber auch sehr dringlichen Besprechung erklärt, sieht Tomasello den Ursprung der Sprache in den Gesten und beschreibt ihre weitere Entwicklung aus den Anforderungen kooperierender Gruppen. Kommunikation wie bei der Zeigegeste ist dabei nicht nur eine interpersonale, sondern triadische Beziehung, bei der auch der gezeigte Gegenstand ein "intersubjektiv geteiltes Wissen" wird. Damit verlegt er in Habermas Augen den Akzent wieder weg von Chomskys Linguistik und der Suche nach angeborenen Sprachmustern hin zu sozialpragmatischen Erklärungen. Dadurch sieht Habermas auch wieder Wittgenstein und Putnam stark gemacht, die betont hatten, dass Bedeutung nichts ist, was in "einem einzelnen Kopf steckt".

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 13.10.2009

Johan Schloemann holt weit aus und klärt erst einmal mit Rückgriff auf Kafka, Darwin und Herder die Verwandtschaftsverhältnisse der Primaten unter kommunikativen Aspekten, um sich dann den Studien des in Leipzig arbeitenden Verhaltensforschers Michael Tomasello zu widmen. Dieser sieht das "evolutionäre Potential in Richtung Sprache" in der Gestik, die als Gebärden und Handbewegungen prähistorisch bedeutsamer waren als die vorerst nur unterstützenden Laute.  Lautliche Sprache entwickelte sich durch Übereinstimmung von Bedeutungen, Erfahrungen  und Kooperation. Für den faszinierten Rezensenten liegt die Pointe dieser schlüssigen These in Tomasellos "enggeführtem experimentellen Vergleich von Affenkommunikation mit dem Verhalten von Kleinkindern". Einer der wichtigsten Unterschiede besteht darin, dass die Gestik einjähriger Kinder bereits intentional abläuft und demnach vor dem Spracherwerb als Kommunikation aufgefasst wird, die einen reagierenden Partner erfordert. Dem Menschenaffen bleibt diese Fähigkeit der Zusammenarbeit vorenthalten, so der Rezensent.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 12.10.2009

Sehr eingenommen zeigt sich Hans Bernhard Schmid in seiner Rezension von Michael Tomasellos Erkundungen über "Die Ursprünge der menschlichen Kommunikation". Der Verhaltensforscher und Direktor des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie zieht, wie Schmid beobachtet, eine klare Linie zwischen Menschen und anderen höheren Primaten: Menschen können gemeinsame Absichten teilen, während den Affen die Absichten ihrer nächsten verschlossen bleiben. Die Bedeutung der kollektiven Intentionalität herausgearbeitet zu haben, ist nach Ansicht des Rezensenten "die große innovative Leistung des Buchs". Philosophisch informiert und anhand experimenteller Forschung zeigt Tomasello, dass kollektive Intentionalität die Grundlage menschlicher Kommunikation bildet. Ein "wunderbares Buch", findet der Rezensent.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 28.09.2009

So richtig Freude hat die Lektüre dieses Buchs dem Rezensent Volker Sommer nicht gemacht. Zu wenig spielerisch geht es ihm zu in diesem Buch des Anthropologen Michael Tomasello. Konnte Sommer, selbst Professor für evolutionäre Anthropologie in London, bei Frans de Waal oder Jane Goodall mit Vergnügen lernen, was Primaten und Menschen trennt bzw. verbindet, so liest er bei Tomasello zu viel Fachterminologie, Wiederholungen, Zusammenfassungen und Primärliteraturzitate. Nicht zuletzt kann Sommer die im Buch entfalteten Thesen einer kooperativen Basis von Kommunikation, der Zurückführung der Sprache auf Gesten und eines spezifisch menschlichen Wir-Empfindens (im Gegensatz zum Menschenaffen) nicht in allen Punkten nachvollziehen. Dass Tomasello fünfzig Jahre Freilandforschung mit Primaten ignoriert und die gedachte oder Laborsituation vorzieht, kann Sommer zum Beispiel nicht verstehen.

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