Wissenschaftliche Erkenntnisse können eine Weltsensation darstellen, ohne gleich ein neues Weltbild zu installieren. Als der Pariser Physiker Léon Foucault 1851 die Erdrotation mit einem Pendel nachweisen konnte, musste niemand mehr von der Richtigkeit des Heliozentrismus überzeugt werden. Dennoch gilt das Experiment bis heute als eines der berühmtesten in der Geschichte der Wissenschaften. Hat also Foucaults Pendel immer noch mit uns zu tun? In seinem Buch geht Michael Hagner dieser Frage nach und zeigt, wie eng der Pendelversuch mit technischen Präzisionsbasteleien, ideologischen Konflikten, dem Aufstieg der Populärkultur sowie der Verbreitung von Bildmedien verbunden ist. Dabei behandelt Hagner kosmologische Fragen ebenso wie politische und ästhetische Vorstellungen über die öffentliche Inszenierung von Wissenschaft. Der Glaube an den zivilisatorischen Fortschritt durch die Wissenschaften prägte die öffentliche Geschichte des Pendels, bis Umberto Eco es in einem postmodernen Welttheater wiederverzauberte. Damit wurde die Bühne frei für die Vermutung, bei Foucaults Pendel könnte es sich auch um ein Kunstwerk handeln.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 26.05.2021
Rezensent Thomas Steinfeld lernt die ganze Geschichte von Foucaults Pendel und seiner Rezeption kennen in diesem Buch des Wissenschaftshistorikers Michael Hagner. Für den Kritiker ist das Werk eines der "schönsten Sachbücher" der letzten Jahre, präsentiert es ihm doch in liebevoller Gestaltung samt Illustrationen, wie der Journalist und Feinmechaniker Leon Foucault im Jahr 1851 im Pariser Pantheon darstellte, wie die Erde um die eigene Achse rotiert. Mehr noch: Steinfeld erfährt hier von Entwicklung und Problemen mit dem Experiment, liest in Hagners präzisen Ausführungen, wie die Kirche auf Galileis Lehre reagierte und in welchen Museen, Kirchen und Weltausstellungen das Pendel gezeigt wurde bis es sogar als Bausatz zu erwerben war. Auch auf Umberto Ecos Roman "Das Foucaultsche Pendel" aus dem Jahr 1988 geht Hagner ein, bis er schließlich bei Gerhard Richters aktueller Pendel-Installation ankommt, freut sich der Rezensent. Über die "Eleganz", mit der der Autor den Übergang von Wissenschaft und Politik in Kunst in diesem Buch schildert, kann der Kritiker nur staunen.
Marc Reichwein lernt bei Michael Hagner, dass Wissenschaft eine Bühne braucht. Die Geschichte des Foucaultschen Pendels und seiner Präsentation erzählt ihm der Wissenschaftsforscher "feinsinnig" und mit viel Sinn für Orte und Figuren als umfassende Kulturgeschichte. Die großen Fragen der Wissenschaften kommen bei Hagner laut Reichwein ebenso zur Sprache wie ihre Popularisierung. Das Personenregister nennt neben Gerhard Richter und Camille Flammarion vor allem auch Umberto Eco, dessen Roman dem Pendel und seinem Erfinder enorme Aufmerksamkeit bescherte, wie Reichwein erfährt.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.03.2021
Rezensent Jürgen Kaube schwelgt in Michael Hagners Geschichte des Foucaultschen Pendels. Voll spannender Details und stilistisch glänzend erläutert der Autor ihm nicht nur das Experiment des Instrumentenbauers Leon Foucault zum Nachweis der Erdbewegung, er schreibt auch die Wissenschaftsgeschichte dazu auf, die laut Kaube eine popularisierte war, weil Politik, Pädagogik und schließlich auch die Kunst und die Literatur sich des Experiments "bemächtigten".
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