Michael Gamper

Der große Mann

Geschichte eines politischen Phantasmas
Cover: Der große Mann
Wallstein Verlag, Göttingen 2016
ISBN 9783835317963
Gebunden, 432 Seiten, 29,90 EUR

Klappentext

Michael Gamper befasst sich mit einer Figur, die im langen 19. Jahrhundert massive machtpolitische Bedeutung entfaltete und für die Geschichte des sozialen Imaginären dieser Epoche bedeutend war: dem "großen Mann", wie er vor allem von Napoleon verkörpert, von Schleiermacher gefordert und von Treitschke beschrieben wurde. In diesem Buch geht es nicht darum, die Ereignisgeschichte der'großen Männer' zu rehabilitieren. Vielmehr legt Gamper aus einer großen Materialfülle schöpfend dar, wie sich in der Frühen Neuzeit aus tradierten antiken Vorstellungen, idealistischen Konzepten, innovativen Machtstrategien und literarischen Fiktionen eine politische Retterfigur herausbilden konnte, der zugetraut wurde, unter den Bedingungen einer postrevolutionären Moderne ein soziales Ganzes herzustellen.
Gegenstand der Analyse sind die Techniken und Funktionen der Rede über den großen Mann, die relevanten Wissensregister, denen er seine Karriere verdankt, die Wünsche, Hoffnungen und Phantasien der Vielen, die sich mit der Figur verbinden, sowie die Formen und Formate seiner medialen Produktion und Verbreitung. Ausblicke in die Vor- und Nachgeschichte des großen Mannes bis in die Gegenwart und ein Exkurs über große Frauen ergänzen das Porträt einer untergegangenen Form personalisierter politischer Gewalt, die freilich bis heute vielfältig nachwirkt und die politische Phantasie bis in die Gegenwart hinein beschäftigt.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 04.05.2016

Rezensent Urs Hafner wird nicht schlauer mit der Lektüre von Michael Gampers Buch über "große Männer". Dabei kommt so ein Buch eigentlich zur rechten Zeit, denkt er. Aber von Putin, Orban, Erdogan und Co. will der Autor gar nichts wissen. Stattdessen geht er zurück ins 19. Jahrhundert, zu Napoleon und Friedrich II. und formuliert durchaus geschliffen und facettenreich, so Hafner, das Konzept "weiblicher Größe" bei Schiller und Kleist gleich mit. Doch dass sich Größe in der Literatur und Geistesgeschichte der westlichen Hochkultur erschöpfen soll, nimmt Hafner dem Autor nicht ab. Sowieso hat er den Eindruck, des Autors privates Exzerptheft zu lesen. Einen roten Faden entdeckt er darin nicht und noch weniger eine Antwort auf Fragen, wie: Was haben Künstleridole und Diktatoren gemein? Nein, politischen Autoritarismus versteht Hafner mit Gamper nicht besser.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.04.2016

Nicht ganz zufrieden ist Rezensentin Hannah Bethke mit dieser Untersuchung, der sich der Autor gewissermaßen nicht gewachsen zeige. Denn "Größe" in der Geschichte zu dekonstruieren und als bloßes Ergebnis von Umständen oder Diskursen zu begreifen, sei das eine. Warum aber erscheinen denn die "großen Männer" den anderen groß? Gamper verschenke sein Thema in weiten Teilen, obwohl er auch vieles richtig mache. Natürlich muss man sich mit einer Figur wie Napoleon auseinandersetzen, und die Ausführungen zum Denkmalkult des 19. Jahrhunderts sind in so einem Kontext unverzichtbar, so Bethke. Auch der Verfall des Begriffs der historischen Größe des einzelnen im späten 19. Jahrhundert, an dessen Stelle gewissermaßen der der Masse trete, ist für Bethke richtig diagnostiziert. Aber das Problem der Größe habe Gamper nicht in den Griff bekommen. "Bach: reiner Zufall"? Das kann es ja nicht sein.