Matthias Bleuel steht neben sich. Seit seiner Scheidung lebt er wie betäubt vor sich hin. Als sein greiser und russlandsentimentaler Chef ihn bittet, nach Kemerowo in Südsibirien zu reisen, um dort in einer winzigen Zweigstelle des Versandhauses eine Urkunde zu überbringen, willigt er ein, weil er zu schwach zum Neinsagen ist. Doch in der mystischen sibirischen Sommerlandschaft erkennt sich Bleuel plötzlich selbst nicht mehr wieder. In Liebe zur geheimnisvollen Sängerin Ak Torgu entflammt, wird der verzagte Logistiker zum geistergläubigen Heißsporn. Zunächst stolpernd, dann immer drängender bewegt er sich in eine völlig neue Welt hinein. Er setzt alles aufs Spiel, um Ak Torgu für sich zu gewinnen - und um sich endgültig zu verabschieden vom einstigen Matthias Bleuel.
Recht eingenommen ist Rezensentin Wiebke Porombka für Michael Ebmeyers Roman "Der Neuling", für sie eine "leise, aber leidenschaftliche Hommage an die Kraft der Musik und an Sibirien". Im Mittelpunkt sieht sie Bleuel, einen geschiedenen Logistiker eines Stuttgarter Modeversandhauses, dessen Existenz im Mittelmäßigen verläuft, bis er bei einer Dienstreise in Sibirien die Sängerin Ak Torgu hört und derart mitgerissen ist, dass er alles daran setzt, ihr näher zu kommen. Das Ganze hat für Porombka einen fast märchenhaften Zug. Allerdings wäre es für ihren Geschmack nicht nötig gewesen, Bleuel mit sämtlichen Eigenschaften eines "linkischen Spießers" zu versehen. Gleichwohl findet sie es hinreißend, wie Ebmeyer den Kontrast zwischen der Trostlosigkeit des sibirischen Alltags und dem plötzlich so euphorischen Bleuel in Szene setzt. Auch die Figur des plappernden Artjom, der Bleuel als Dolmetscher begleitet, hat ihr gefallen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.04.2009
Diese Art von Kulturaustausch lässt Oliver Jungen sich gefallen. Piroggen essen, Wodka trinken und darauf warten, das man selbst Taiga wird. So geht es dem schwäbischen Aussteiger-Hero in Michael Ebmeyers, wie Jungen findet, unaufdringlich-authentisch tagebuchartigem Roman. Authentisch kommen Jungen die Orte vor, Sibirien, und die geschilderten Fährnisse der Erleuchtung, fühlt man sich als "schorischer Nomade". Das Ganze ist auch "sprachlich wacker" gefasst, und so gefällt Jungen das Buch sogar als "Buch zur Krise", sieht er den Ausstieg wieder als Chance.
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