Max Gross

Das vergessene Schtetl

Roman
Cover: Das vergessene Schtetl
Katapult Verlag, Greifswald 2024
ISBN 9783948923884
Gebunden, 400 Seiten, 25,00 EUR

Klappentext

Aus dem amerikanischen Englisch von Daniel Beskos. Was wäre, wenn es ein jüdisches Schtetl gäbe, das vom Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust verschont geblieben ist? Kreskol liegt tief im polnischen Urwald und blieb jahrzehntelang unberührt und unverändert - ohne Autos, Strom, Sanitäranlagen und Internet. Doch dann gerät ein Ehestreit außer Kontrolle: Pescha Lindauer verlässt ihren Mann und verschwindet plötzlich. Einen Tag später verschwindet auch ihr möglicherweise gewalttätiger Mann. Die Ältesten schicken den Außenseiter Jankel Lewinkopf los, um beide zu suchen und die Behörden zu alarmieren. Jankel begegnet der Schönheit und den Schrecken der modernen Welt - und wird zuerst für verrückt gehalten. Als die Wahrheit ans Licht kommt, sorgen seine Geschichte und die Existenz von Kreskol landesweit für Schlagzeilen. Und die Stadt stürzt schlagartig ins 21. Jahrhundert.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 14.12.2024

Vom erzählerischen Niveau her schwankt der Roman von Max Gross zwar hin und wieder, aber nichtsdestotrotz möchte Rezensentin Tanya Lieske die Lektüre nahelegen: Er handelt von einem Schtetl, das wie durch ein Wunder völlig unbehelligt durch den Holocaust gekommen ist. Die orthodoxen Bewohnerinnen und Bewohner leben dort noch wie vor hundert Jahren, zumindest, bis eine von ihnen flieht und in Warschau Jankel kennenlernt, der mit ihr zurückkehrt und den Kontakt zur Moderne herstellt, schildert Lieske. Sie fühlt sich bisweilen an einen Schelmenroman erinnert, auch eine Liebesgeschichte darf nicht fehlen. Am spannendsten ist das Buch für sie aber dann, wenn es die "Unerzählbarkeit des Holocaust" zeigt: Die Schtetlbewohner glauben nämlich nicht, dass so etwas sich ereignet haben könnte - allein dafür lohnenswert, resümiert sie.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 10.12.2024

Ein tolles Buch über universelle Untiefen des Menschlichen hat Max Gross laut Rezensentin Katharina Granzin geschrieben. Es spielt, zunächst zumindest, in Kreskol, einem vergessenen jüdischen Schtetl im polnischen Nirgendwo, die Geschichte setzt Granzin zufolge mit dem Verschwinden einer Frau und ihres womöglich übergriffigen Ehemannes ein. Um herauszufinden, was passiert ist, wird der Lehrling Jankel losgeschickt, um Kontakt zur Außenwelt aufzunehmen, daraus ergeben sich, erklärt Granzin, mehrere Handlungsstränge, die zeigen, was passiert, wenn die abgeschlossene Welt des Schtetls aufbricht. Das Verhältnis zwischen Juden und nichtjüdischen Polen spielt eine wichtige Rolle im Buch, ebenso wie die Erinnerung an den Holocaust, aber insgesamt geht es hier, betont Granzin, um Probleme, die Menschen überall auf der Welt mit anderen Menschen haben. Man mag das Buch für eine Satire halten, aber dafür, findet die Rezensentin, steckt fast zu viel Tragik in der Geschichte über alltäglichen Kleinmut und andere Übel. Insgesamt ein Buch, in dem man viel Menschliches wiedererkennen kann, schließt die Rezension.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.10.2024

Max Gross gelingt Großes in diesem Buch, jubiliert Rezensent Sascha Feuchert. Gross entwirft in seinem Roman eine alternative Historie um ein jüdisches Schtetl inmitten polnischer Wälder, das, fast ohne Kontakt zur Außenwelt, im 19. Jahrhundert stecken geblieben ist. In Gang kommt die Geschichte, lernen wir, als Jankel Lewinkopf, die Hauptfigur, auf der Suche nach einem verschwundenen Ehepaar in die nächste polnische Stadt Smolskie gelangt und dort mit der Moderne - Autos, Internet und so weiter - konfrontiert wird. Später gelangt auch die Kunde des Holocausts ins Schtetl, heißt es weiter, im Folgenden nimmt die Handlung, wenig überraschend, eine düstere Wendung, der Antisemitismus lebt wieder auf, die Geschichte droht sich zu wiederholen. Gross' Roman besticht Feuchert zufolge durch eine Mischung aus Suspense, Humor und Tragik, auch Daniel Beskos' Übersetzung lobt der Rezensent in höchsten Tönen. Dieses Buch wird, da ist sich Feuchert sicher, noch lange gelesen werden.

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 12.10.2024

Max Gross hat einen weitestgehend "ziemlich großartigen" Debütroman geschrieben, findet Rezensent Hannes Stein. "Das vergessene Schtetl" ist ein Schelmenroman, die Grundidee, die Gross in (fast) aller Konsequenz zu Ende denkt, clever, witzig, unterhaltsam. Und zwar hat sich Gross ein Schtetl herbei fantasiert, so gut versteckt in den polnischen Wäldern, dass selbst die Wehrmacht es nicht fand und dass auch andersrum seit ca. 1800 (fast) nichts und niemand aus der Außenwelt jemals hierher vorgedrungen ist. Bis eine Frau verschwindet und der junge Jankel Lewinkopf sich auf den Weg macht, um Hilfe zu holen. Wie Jankel sich in der modernen Welt versucht zurecht zu finden und wie diese Welt wiederum Einzug hält in dem kleinen Schtetl, das ist äußerst witzig zu lesen, und nie kitschig, denn dieses Refugium der Vergangenheit ist auch vor der Invasion der Moderne keine perfekte Idylle, wie sich bald herausstellt. Nur zwei Schwächen erkennt Stein. Erstens: Warum wechselt Gross am Ende die Erzählperspektive? Und zweitens: Warum wollen die Einwohnerinnen und Einwohner des Wald-Schtetls nichts von Israel wissen? Beides erscheint ihm wenig plausibel, fällt jedoch angesichts der großen Erzählkunst dieses Autors kaum auf, so der beeindruckte Rezensent.

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