Maurice Blanchot

Im gewollten Augenblick

Erzählung
Urs Engeler Editor, Wien - Basel 2004
ISBN 9783905591798
Gebunden, 121 Seiten, 17,00 EUR

Klappentext

Aus dem Französischen von Jürg Laederach. Maurice Blanchots Leben und Werk steht im Zeichen des Paradoxes. Als er vor zwei Jahren starb, war es, als wäre er, der Zeit seines Lebens unfassbar blieb, erst recht zum Leben erwacht: kein Feuilleton, das etwas auf sich hält, das ihn nicht ausführlich gewürdigt hätte. Doch so angesehen, so prägend der Literatur-Theoretiker Maurice Blanchot für Generationen von Intellektuellen ist, so unbekannt ist er hierzulande als Erzähler geblieben. Dabei ist gerade die Praxis des Erzählers Blanchot der eine Schritt "au-dela", über die Literatur hinaus, in ein Jenseits auch der alltäglichen Erfahrung - in einen Raum, den erst die Sprache eröffnet, der aber durch Sprache nicht mehr faßbar ist. Eindrückliches Beispiel dafür ist die Erzählung "Au moment voulu", erschienen 1951, die hier in der Übersetzung von Jürg Laederach erstmals auf Deutsch aufgelegt wird.
So einfach das Setting der Geschichte auch ist - ein Mann besucht seine Freundin in deren Wohnung, die diese mit einer anderen jungen Frau teilt -, so zunehmend labyrinthisch erweisen sich mit jedem Satz sowohl die Wohnung als auch die Beziehungen zwischen Bewohnerinnen und Besucher. Blanchots Sätze sind Spektralanalysen, in denen auch entlegenste Aspekte plötzlich mit blendender Kraft aus dem Dunkel leuchten. Als souveräner Sprach-Metaphysiker fügt er das Zergliederte wieder zu einer bisher unbekannten, uns aber zwiespältig vertrauten Welt zusammen. Er tut dies mit einer Kraft, die jeden Widerstand in Begeisterung umschlagen lässt. Eine solche Literatur ist unheimlich. Sie ist spektakulär.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 16.06.2005

Das Prosawerk Maurice Blanchots wird von "Kennern hochgeschätzt", gilt aber als in seiner Dichte und seiner Verweigerung konventioneller Erzählformen als "schwerverständlich" bis "unlesbar", erklärt Felix Philipp Ingold in seiner Besprechung der Erzählung, die nun erstmals auf Deutsch vorliegt. Dieses Verdikt treffe auch auf hier zu, in dem ein namenloses, nicht näher bestimmtes Ich in einem inneren Monolog spricht und dabei "weder als Gestalt noch als Charakter" begreiflich wird, wie der Rezensent erklärt. Dazu ist noch von zwei Frauenfiguren die Rede, die aber ebenso unbestimmt bleiben wie der räumliche oder zeitliche Kontext, so Ingold weiter. Die "Denkfigur" des "Paradoxons" sei am ehesten geeignet, diesen Text zu beschreiben, meint der Rezensent, der sich aber durch die Hermetik der Erzählung keineswegs abschrecken lässt, sondern die Eindrücklichkeit und Unverwechselbarkeit von Blanchots Texten rühmt. Allerdings findet er, dass der Autor in diesem Fall mitunter die Paradoxie "zu weit treibt" und dadurch nicht selten "Beliebigkeit", "Kitsch" oder gar "Stilblüten" entstehen. Diese Ausrutscher möchte der alles in allem dennoch beeindruckte Rezensent aber keinesfalls dem Übersetzer Jürg Laederach anlasten, dessen Übersetzung er als "souverän" anerkennt.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 05.01.2005

Sibylle Kramer stellt die Erzählung "Im gewollten Augenblick" von Maurice Blanchot vor, deren kürzlich erschienene Übersetzung von Jürg Laederacht sie als "virtuos" erachtet, urteilt ansonsten aber nicht explizit. Das erzählerische Werk Blanchots sei im deutschsprachigen Raum kaum bekannt, denn der als philosophische Vordenker Foucaults und Derridas geltende Autor habe sich hier eher durch seine theoretischen Arbeiten einen Namen gemacht. Als Erzähler zog er sich "auf den einsamen Posten eines Geschichten erfindenden Denkers" zurück, "dessen Figuren größte Mühe haben, einfach nur da zu sein". Ähnlich ergehe es auch dem namenlosen Ich-Erzähler von "Im gewollten Augenblick", der in ein "Spiel um Liebe, Leidenschaft und Eifersucht" zwischen seiner Freundin Judith und deren Freundin Claudia gerät. Schauplatz der Handlung ist die Wohnung, die sich die beiden Frauen teilen. Doch "später wird sich herausstellen, dass die Wohnung ihm selbst gehört und dass sie in der Rue de la Victoire gegenüber der zerbombten Synagoge liegt -, als ihm zu Bewusstsein kommt, dass er etwas vergessen hat, offenbar doch, wie er in die Wohnung geriet." Blanchots Erzählung handle von Orientierungslosigkeit und der peinigenden Unfähigkeit, sich zu erinnern. Die Geschichte des Erzählers zu entschlüsseln, bleibt letztlich Aufgabe des Lesers, so Kramer.
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