"Wir stehen am Rand des Desasters, ohne dass wir es in der Zukunft verorten könnten, es ist vielmehr immer schon vergangen, und trotzdem stehen wir am Rand oder unter der Androhung, alles Formulierungen, die die Zukunft einbegreifen würden, wäre das Desaster nicht das, was nicht kommt, was jede Ankunft eingestellt hat. Das Desaster denken (wenn das möglich ist, und es ist in dem Maß nicht möglich, wie wir ahnen, dass das Desaster das Denken ist), heißt, keine Zukunft mehr zu haben, um es zu denken." (Maurice Blanchot)
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 04.02.2006
Mit einem Vierteljahrhundert Verspätung erscheint "Die Schrift des Desasters", die als einer von Maurice Blanchots "philosophischen Schlüsseltexten" gelten kann, nun begrüßenswerterweise auf Deutsch, erklärt Rezensent Hans-Peter Kunisch. Diesen Text zu verstehen, so Kunisch weiter, setzt jedoch voraus, dass man Blanchots bewegten gedanklichen und politischen Werdegang - vom erznationalen Antisemiten zum Mitglied der Resistance - kennt. Im Mittelpunkt dieser Schrift, wenn auch eher versteckt, stehe das titelgebende Desaster: der Holocaust und die mit ihm einhergehende Zerstörung des Denkens und seiner Repräsentationsformen. Aus dieser festgestellten Zerstörung ergebe sich für Blanchot die "paradoxe" Frage: Wie kann man "aus dem Denken das machen, was den Holocaust bewahren könnte, in dem alles verloren gegangen ist, auch das bewahrende Denken"? In seinem Versuch, diese Frage zu beantworten, greife Blanchot zu einer fragmentarischen Darstellungsweise. Doch wie der Rezensent feststellt, macht diese Abwesenheit eines absoluten Gültigkeitsanspruchs gegenüber der Wirklichkeit Blanchots Position nicht unangreifbar. Für Kunisch stiehlt sich Blanchot an seiner eigenen "politischen Genealogie" vorbei, insofern als er sich mit der Verabsolutierung des Holocaust und dessen geschichtsbeendendem Charakter der Frage nach dem "Zusammenhang zwischen intellektuellem Rechtsnationalismus, ökonomischer Macht, Gewalt und Antisemitismus" entziehe.
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