Massimo Carlotto

Der Flüchtling

Roman
Cover: Der Flüchtling
Tropen Verlag, Stuttgart 2010
ISBN 9783608502053
Gebunden, 184 Seiten, 18,95 EUR

Klappentext

Aus dem Italienischen von Hinrich Schmidt-Henkel. Der italienische Krimiautor Massimo Carlotto hat aus seiner so unglaublichen wie wahren Lebensgeschichte spannende Literatur gemacht. 20. Januar 1976: Die 25-jährige Studentin Margherita Magello wird in ihrem Zimmer in Padua mit 59 Messerstichen ermordet. Massimo Carlotto, 19 Jahre, Student und Mitglied der linksradikalen Bewegung entdeckt das Opfer und geht zur Polizei, um den Vorfall zu melden. Er wird festgenommen und wegen Einbruchs angeklagt. Es beginnt ein beispielloser Schauprozess. Kurz vor der Urteilsverkündung flieht Carlotto nach Paris und von dort einige Jahre später nach Mexiko. Unter politisch Verfolgten und brutalen Verbrechern lernt er zu überleben, ohne den Verstand zu verlieren.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 10.02.2011

Steffen Richter hat das autobiografische Debüt des als Krimiautor bekannten Massimo Carlotto, das erst jetzt auf Deutsch erschienen ist, mit Spannung und Betroffenheit gelesen, allerdings bleibt für ihn eine gewisse Unsicherheit zurück. Der italienische Autor berichtet darin von seiner fälschlichen Verurteilung wegen Mordes an einer Studentin, der er sich durch Flucht zuerst nach Paris und später nach Mexiko entzieht, lässt der Rezensent wissen. Insbesondere die Details, die der italienische Autor über sein Flüchtlingsleben und die dafür nötigen Vorkehrungen der illegalen Existenz ausbreitet, haben den Rezensenten die Augen geöffnet. Carlottos Dankbarkeit gegenüber Helfern, und seine "gerechtfertigte Empörung" beispielsweise über die Zustände in Mexiko-Stadt konnte er gut nachvollziehen. "Verwirrend" dagegen fand Richter, dass über die Hintergründe zum Mordfall nichts zu lesen war, und bei Carlotto der Eindruck entsteht, hier sei ein politisch Verfolgter auf der Flucht. Auch warum sich Carlotto nach seiner Rückkehr nach Italien freiwillig der Polizei stellt, obwohl gar kein Haftbefehl vorliegt, gehört zu den Dingen, die dem Rezensenten unverständlich bleiben. Schließlich fragt er sich, warum das Buch die Gattungsbezeichnung "Roman" erhalten hat,  hier drängt sich ihm der Verdacht auf, dass sich der Autor vor allem juristisch absichern will.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.02.2011

Fast zwanzig Jahre lang Massimo Carlotto die italienische Justiz beschäftigt, seit er 1976, damals ein junger linksradikaler Student, den Tod einer Kommilitonin bei der Polizei meldete. Er wurde prompt wegen Mordes angeklagt und verurteilt, freigesprochen, ein Urteil wurde aufgehoben, die Revision wird kassiert, und Carlotto flieht nach Mexiko. Von diesem Leben auf der Flucht erzählt Carlotto, der 1993 vom Staatspräsidenten begnadigt wurde und inzwischen zu einem der erfolgreichsten Krimiautoren Italiens avancierte, in seinem Roman "Der Flüchtling", der eigentlich eine Autobiografie ist. Bewundernswert findet Rezensent Niklas Bender, mit welcher Lakonie und feiner Ironie Carlotto erzählt, grandios auch die "abgebrühte Leichtfüßigkeit".

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 26.11.2010

Ein "autobiografisches Zeugnis" erblickt Rezensentin Maike Albath in Massimo Carlottos Debütroman "Der Flüchtling", der im Original 1994 erschienen ist und nun auf Deutsch vorliegt. Sie bescheinigt dem italienischen Kriminalautor, der in Italien als eine Art Held gilt und dessen Krimis dort Bestseller sind, seine siebzehnjährige Odyssee als Opfer eines Justizirrtums freimütig, unsentimental, selbstironisch und ohne Selbstmitleid zu erzählen. Carlotto, damals Mitglied der linksextremen Lotta Continua, entdeckt eines Abends eine Frau auf der Straße, die in Folge von Messerstichen am Verbluten war. Er rief die Polizei und wurde bald wegen Mordverdachts verhaftet. Nach langem hin und her wurde er erst freigesprochen und dann zu achtzehn Jahren Gefängnis verurteilt. Carlotto entzog sich dem durch die Flucht erst nach Frankreich, dann nach Mexiko, erzählt Albath. Sie hebt hervor, dass es Carlotto in seinem Buch nicht so sehr um juristische Aufarbeitung geht, sondern um die emotionalen Folgen seines jahrelangen Versteckspiels. Literarisch gesehen scheint ihr das Werk "nicht sonderlich aufregend". Sie vermutet, Carlotto habe sich seine Erlebnisse von der Seele schreiben müssen, "um den Schrecken zu bannen und Platz für Neues zu schaffen". Gleichwohl hält sie fest, dass "Der Flüchtling" für Italien ein "wichtiges" Buch war, vermittele es doch eine Generationserfahrung, dass die italienische Justiz rechtsstaatliche Grundsätze missachtet.
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