Die europäische Welt ist aus den Fugen geraten, EU-Krisengipfel sind zur Regel geworden. Der Zustand der öffentlichen Finanzen, der Mangel an globaler Wettbewerbsfähigkeit, die Wiedergeburt des russischen Imperialismus, der Vormarsch der Islamisten, der anschwellende Flüchtlingsdruck, das alles zwingt Europa von einer Notoperation in die nächste. Als ob dies nicht schon schwer genug wäre, verlieren die Europäer über all dem zunehmend ihren historischen Kompass. Die Hoffnung, die Welt des 21. Jahrhunderts maßgeblich mitgestalten zu können, ist dem Zweifel am europäischen Experiment gewichen - ein Scheitern nicht mehr ausgeschlossen. Martin Winter, viele Jahre Korrespondent der Süddeutschen Zeitung in Brüssel, gibt Antworten, die vielschichtig und einfach zugleich sind: Die EU hat sich mit dem Euro und mit der gemeinsamen Außenpolitik übernommen. Die Politik hat ihre Kraft zur Einigung des Kontinents überschätzt, und den Widerstand der Völker dagegen unterschätzt. Noch gibt es Chancen für das Projekt Europa, aber dann muss die Union neu gedacht werden, nüchterner und realistischer. Und sie muss Ballast abwerfen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.09.2015
Den Brüsseler Kropf vermag der Autor dem Rezensenten nur unzureichend darzustellen, und brauchbare Lösungvorschläge bietet der Band des Brüssel-Korrespondenten Martin Winder dem hier rezensierenden Politologen und Zeithistoriker Wilfried Loth nur wenige. Winters Rede von der Risiko-Union, die die Gegensätze zwischen den europäischen Staaten unterschätzt und profilierungssüchtige Bürokraten produziert, scheint dem Rezensenten allzu billig. Befremdlich findet Loth Winters Fehleinschätzungen betreffend die Krisenhaftigkeit der Europäischen Gemeinschaften schon vor dem Ende des Kalten Krieges und die Weltmacht-Vision der EU. Ein überzeugendes Gesamtbild oder eine glaubhafte Diagnose bietet der Band laut Loth nicht, ein Rezept zur Rettung Europas auch nicht.
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