Martin Walser

Angstblüte

Roman
Cover: Angstblüte
Rowohlt Verlag, Reinbek 2006
ISBN 9783498073572
Gebunden, 477 Seiten, 22,90 EUR

Klappentext

Das Telefon klingelt. Karl von Kahn, Münchner Anlageberater, erfährt von Gundi, der Frau seines besten Freundes, dass der gelähmt im Krankenhaus liegt. Als er kurz darauf an dessen Bett steht, ist er erschüttert, ihn derart sterbensmatt zu sehen. Gundi lädt Karl zu sich nach Hause ein. Lange schon war er nicht mehr in diesem Schönheitsimperium zu Gast; Kunst und Künstlichkeit berauschen ihn. Als sie ihn bittet, einen Vertrag zu unterschreiben und so den letzten Wunsch des Freundes zu erfüllen, zögert er nicht, und eine Firma ist verkauft. Doch noch am Abend desselben Tages geht es dem Freund viel besser. Ist Karl von Kahn betrogen worden? Da klingelt sein Telefon schon wieder: Er soll helfen, eine Verfilmung des "Othello" zu finanzieren. Den Verführungskünsten der jungen Hauptdarstellerin Joni kann er sich nicht entziehen, und ein zweiter Betrugsverdacht keimt auf. Martin Walsers neuer Roman handelt von zwei Täuschungen, vom Aufhören müssen und vom Geld - von Wahn, Scheinheiligkeit, Freundschaft, Liebe.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 27.07.2006

Rezensentin Gabriele Killert lässt kaum ein gutes Haar an Martin Walsers neuem Roman, auf dessen "prätenziöse Beschaulichkeit" sie leicht genervt reagiert. Auch weil sie sich beim Lesen immer wieder arg "mit der panischen Stilblütenpracht des Gefühlskitsches" konfrontiert fand. Schon mit Walsers Grundfrage "nach dem Recht des Mannes auf sexuelle Selbstverwirklichung außerhalb der Ehe" kann sie wenig anfangen, weshalb sie auch den über siebzigjährigen liebeshungrigen Protagonisten Karl von Kahn, an dem die Problematik abgehandelt wird, nicht sehr spannend findet. Bei seiner Beschreibung vermisst sie im Übrigen "den Schweiß des Komödiendichters", in dessen Ressort die Figur aus ihrer Sicht eigentlich gehört. Walser fällt ihr aber eher durch "obstruktiv schmollende Gewissensbissigkeit" auf. Zwar gebe es immer wieder auch komische Passagen, die aber bei der Rezensentin insgesamt den Eindruck einer grundsätzlichen Missmutigkeit noch verstärken. Melodram, Beichte, Polemik oder Satire, von allem biete Walser ein wenig, aber leider nie genug. Am Ende verpasst Killert ihm das vernichtende Etikett "Stilist für die literarisch Besseresverdienenden".

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.07.2006

Für eine sehr ernste Angelegenheit hält Felicitas von Lovenberg Martin Walsers jüngsten Roman "Angstblüte" - denn mancherlei ist hier am Ende: der Held Karl von Kahn, ein Finanzjongleur, der sich unsinnig in eine viel zu junge Schauspielerin verliebt, aber auch die Gesellschaft überhaupt, in der es in erster Linie um Täuschen und Getäuschtwerden geht. Wie Walser das alles aber schildere, mit einer "Vitalität" und einem "Furor", die seine besten Texte auszeichnen, das mache auch diesen Roman zu einem "Hauptwerk", das weite Teile der zeitgenössischen Literatur viel jüngerer deutscher Autoren alt aussehen lässt. Gnadenlos schildere Walser den Niedergang seines Helden, der das verliert, was ihm das Wichtigste auf der Welt ist: seine "Unabhängigkeit". Gewiss, so Lovenberg, ist auch an diesem leidenschaftlichen Werk nicht alles meisterlich - und das offenbar ausdrückliche Desinteresse des Autors an der erzählerischen Formvollendung dann fast wieder gerade doch. Ein Wurf jedenfalls und ein Wagnis, ein "brennend aktueller Roman" dazu.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 22.07.2006

Andrea Köhlers Walserspätwerkbilanz fällt einerseits leicht zwiespältig aus, andererseits aber doch, alles in allem genommen, außerordentlich freundlich. Sie liest des Autors "Angstblüte" als "Oper", die sich vom bisherigen Werk dem ersten Anschein zum Trotz gar nicht unterscheidet. Der andere Anschein hat mit dem Protagonisten zu tun und seinem Milieu: der Finanzwelt. Karl von Kahn ist ein Held und Verehrer des Zinses und Zinseszinses, freilich macht ihn das noch nicht zum Feind des Geistes. Oder des Weibes. Vielmehr verliebt er sich, hoffnungslos, in eine junge Schauspielerin, die nur sein Geld will für einen Film nach furchtbarem Drehbuch. Um die Darstellung der lüstern-lächerlichen, peinlich-pathetischen Figur, die Karl von Kahn abgibt, im Bett und außerhalb, geht es Walser - und wieder einmal erweist er sich in seinen Innen- und Außenweltbeschreibungen, so Köhler, als "Beobachtungsvirtuose", als einer, der brillante Formulierungen im Überfluss findet. Nur, daher der leichte Zwiespalt, sei das Werk etwas lang geraten, kein Muster erzählerischer Ökonomie. Bleiben dennoch - von den 477 - "300 Seiten reines Lesevergnügen".

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 22.07.2006

Das reine Vergnügen war Martin Walsers neues Spätwerk für den Rezensenten Gerrit Bartels ganz offenkundig nicht. Wiederzufinden seien die vertrauten Themen, Liebe, Ehe, Sex, Deutschland auch und das Leiden daran und das Leiden am Leiden der Deutschen an sich selbst. Immerhin: eine Hauptrolle spielt das diesmal nicht. Die spielt vielmehr der Finanzjongleur Karl von Kahn, dessen Motto das "bergauf beschleunigen" ist, während es mit ihm in Wahrheit rasant bergab geht. Er verguckt sich in eine Schauspielerin und wird aus Liebesblindheit zur lächerlichen Figur. Mit der Rollenprosa scheint es dabei so eine Sache, denn zuletzt bleibt für den Rezensenten doch der Eindruck einer "schwitzigen, sabbernden Altmännerfantasie". Überhaupt ist die Welt der "Angstblüte", findet Bartels, eine im wesentlichen von "Knallchargen" besiedelte Welt. So recht ernst nehmen wolle Walser das alles wohl nicht, so dass es neben wirklich großen Sätzen und Einsichten viele, allzu viele Überflüssigkeiten gebe.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 21.07.2006

Von wegen Alterswerk. Martin Krumbholz traut dem Autor alles zu. Walsers neuer Roman imponiert ihm mit jeder Menge Ausdruckslust und Anschaulichkeit (Walserwort: Unverblümtheit). Die Themen Geld und Liebe entdeckt er, Moral sucht er vergebens. Dafür fallen ihm zwei echte Alterstugenden (des Helden, des Autors) ins Auge: Ein wenig Torheit und Romantik. Letztere, stellt Krumbholz sichtlich erleichtert fest, verhindert das allzu Zynische und lässt den Rezensenten zum Beispiel den Balanceakt des Helden zwischen Liebe und Geld als witzig empfinden. Auf Krumbholz scheint das befreiend zu wirken. Ebenso die Großzügigkeit des Autors dem eigenen Stil gegenüber: Opulenz, Redundanz - gar kein Problem. Auch für Krumbholz nicht.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 21.07.2006

Burkhard Müller ist ab-so-lut hingerissen von diesem Roman. Bei Martin Walser, schreibt er, weiß man nie, was kommt. Und was hier kommt, ist für den Rezensenten eine Offenbarung. Held des Romans ist ein siebzigjähriger verheirateter Anlageberater, der sich in eine vierzig Jahre jüngere Nachwuchsschauspielerin verliebt, lesen wir. Die Dame hat Ähnlichkeit mit Brigitte Bardot. Warum sie offenbar die Zuneigung des alten Mannes erwidert, erklärt sich Müller so: Der Anlageberater kann hervorragend zuhören. Das gehört zu seinem Beruf. Schließlich muss er auch seinen Kunden zuhören, um erraten zu können, was sie möchten. Müller macht dem Autor ein Kompliment für dessen "wunderbar schamlose Altherrenerotik", um dann auf das für ihn Wesentliche des Buchs zuzusteuern: Walser erklärt ihm das, was in Deutschland oft Heuschrecken-Kapitalismus genannt wird. Es geht nicht um die Spekulation, sondern um die Spekulation auf die Spekulation. Nicht um den Zins, ja nicht einmal um den Zinseszins, sondern den Zinsezins-Zins. Dieser nämlich hebt die Vergeistigung des Geldes durch Vermehrung in die Sphäre der Religion. 'Spürbar wird Gott', wie es im Roman heißt. Walser gelingt eine Beschreibung des Kapitalimus, weil er sich ganz mit seinen Figuren identifiziert, so Müller. Und darum ist der Autor für ihn besser als Karl Marx.
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