Marion Titze

Niemandskind

Roman
Cover: Niemandskind
Ammann Verlag, Zürich 2004
ISBN 9783250600657
Gebunden, 188 Seiten, 18,90 EUR

Klappentext

Was tun, wenn das eigene Kind durchdreht? Eine Mutter erzählt: "Es ist als bräche ein Damm. Das Denken wird fortgespült von den Furien des Empfindens, und dein Leben starrt dich an wie ein Feind." Bei der Scheidung war Jan vierzehn und ist dann bei seinem Vater aufgewachsen. Nach einem misslungenen LSD-Experiment kriegt er nichts mehr auf die Reihe. Er lässt sein Studium schleifen, hängt mit dubiosen Freunden rum und wird von abgründigen Ängsten gebeutelt. Wie die Eltern mit der eigenen Hilflosigkeit umgehen, angesichts dieses Kinds, dem - trotz allem aufgebotenen sächsischen Pragmatismus ("wahrscheinlich sind Psychosen das kommende Outfit") - nicht zu helfen ist, das beschreibt Marion Titze mit nachfühlbarer Genauigkeit.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 25.01.2005

Die Berliner Mauer fällt, und eine ostdeutsche Familie zer-fällt: eine zerbrochene Ehe statt Zukunft und Wende, der Sohn nimmt Drogen und muss in die Psychiatrie, der Cousin der Mutter bringt sich um. Marion Titzes Familiengeschichte "Niemandskind" ist Samuel Moser trotz der deprimierenden Handlung "nicht so recht unter die Haut" gegangen. Der Rezensent vermutet, dies liege daran, dass die Autorin nicht konsequent an der Mutter als Erzählerfigur festhalte. Denn sie erzähle meist nicht aus der eigenen Perspektive, sondern versetze sich immer wieder in die anderen Figuren, sogar in den Hund des Sohnes - und dies dann doch etwas zu mühelos für den Geschmack des Rezensenten. Einzig der Sohn, Jan, das "Niemandskind", sei das überzeugende Zentrum des Romans und die stärkste Figur mit ihren traurig-komischen Seiten. Wenn dieser am Ende beim frisch verheirateten Vater einzieht und sich auf das Jura-Studium, das er wieder aufnehmen möchte, "freut", dann hat man, so Moser, längst verlernt, "Freuden als reine Freuden zu begreifen".

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 26.11.2004

"Nichts ist so schwer, wie einem Betroffenheitsthema die richtige Form zu geben", schreibt Meike Fessmann, um zu bestärken, wie gut ihr dieser Roman von Marion Titze gefallen hat. Das Thema ist die mütterliche Angst um das Kind, die Panik, wenn sein Leben sich dem helfenden, dem hilflosen Zugriff entwindet. Der Sohn Jan ist ein Scheidungskind, das beim Vater blieb, der sich dann allerdings umbringt. Als er zur Mutter zurückkehrt, flieht er in Drogenexperimente und landet schließlich auf der Straße. Die Qualitäten von Titzes Roman liegen nach Ansicht der Rezensentin in der Nüchternheit der Erzählung, im geschickten Wechsel aus der Innensicht Jans und der um Nähe ringenden Außensicht der Mutter - "Salto-mortale-Kunststücke mütterlicher Empathie", schreibt Fessmann. Nichts wird mit schlichter psychologischer Logik erklärt, und doch zeichnen sich Ursachen ab. Titze hat, so die Rezensentin, "am konkreten Stoff ihr literarisches Können eindrucksvoll bewiesen".
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 11.11.2004

Als "wunderbar authentische" Geschichte, wie der Klappentext verheißt, mag Rezensentin Silvia Hess dieses Buch über eine Mutter, die sich um ihren psychisch erkrankten Sohn kümmert, nicht gelten lassen. "Authentisch" ja, denn die Ich-Erzählerin bewege sich ohne Umwege vom Erlebten zum Erzählten; "wunderbar" nein, dazu sei der Stoff viel zu tragisch. Dies scheint jedoch der einzige Kritikpunkt zu sein, denn ansonsten zeigt sich die Kritikerin durchweg angetan. Mit "eigener, unverwechselbarer Stimme" schildere die Mutter den Kampf um ihren Sohn, der nach einem LSD-Horrortrip eine Psychose als fürchterliches Andenken zurückbehält. Das Buch sei nicht auf Abstand bedacht, und gerade das hat Silvia Hess tief beeindruckt.
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