Orfeo von Marie-Therese Kerschbaumer versammelt neue und in den vergangenen zwei Jahrzehnten verstreut erschienene Prosatexte. Sprach-Gemälde, die immer, - ob bei den exakten Beobachtungen des nachmittäglichen Havanna im ersten Abschnitt des Buches, ob bei den Traum Bildern, Liebes Beschwörungen und Dichter Träumen im zweiten, ob in der distanzierten, präzisen Erzählweise oder im beinahe freien lyrischen Assoziieren, - die poetische Kraft der Dichterin vermitteln.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 10.09.2003
Das vorliegende Buch ist ein Sammelband, der bislang unpublizierte Texte von Marie-Thérèse Kerschbaumer aus den vergangenen 20 Jahren enthält - im übrigen ohne dass auf ihr Entstehungsdatum verwiesen würde. Vielleicht hatte das Unterverschlusshalten einen Grund, vermutet Samuel Moser, denn die Texte seien von höchst unterschiedlicher Qualität. Formal gesehen sei Kerschbaumers Repertoire groß: da steht die konventionelle Reportage neben experimenteller Prosa oder Textstücken, die an die 'écriture automatique' erinnern. Kerschbaumers Sprachverständnis sei von Roman Jacobson geprägt, erklärt der Rezensent, was ihr Schwanken zwischen Sprachskepsis und Sprachhoffnung sowie die Zwitterstellung ihrer Texte zwischen Lyrik und Prosa erkläre. Auch wenn viele von Kerschbaumers Texten der Avantgarde verschrieben sind, verbirgt sich für Moser dahinter eine äußerst wertkonservative Haltung. Dazu gehört seines Erachtens eine undifferenzierte Anklage gegen die Medien, wie auch die Stilisierung des verkannten Dichters. So tendiere manches zum Kitsch, resümiert er, anderes dagegen - wie die Havanna-Texte - findet er äußerst spannend.
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