Dieser Band beruht auf einem spektakulären Nachlass: er enthält das einzige Protokoll einer Analyse bei Sigmund Freud, dem Begründer der Psychoanalyse. Unmittelbar nach jeder Sitzung im Jahr 1922 notierte Ernst Blum deren Verlauf. Von keinem anderen Analysanden Freuds ist ein vergleichbares Dokument überliefert. Die Aufzeichnungen Blums, bisher unter Verschluss gehalten, zeigen anschaulich, wie Freud bei seiner Arbeit vorgegangen ist. Manfred Pohlen berichtet über die Entstehung der Protokolle und die Lebensgeschichte ihres Verfassers Ernst Blum. Zugleich ordnet er die aus den Protokollen zu gewinnenden Erkenntnisse über Freuds Vorgehen in die Ideen- und Kulturgeschichte der Psychoanalyse ein.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 11.07.2006
Eine "faszinierende Reise ins Unbewusste" erblickt Oliver Pfohlmann in diesen Aufzeichnungen Ernst Blums, der sich 1922 einer Lehranalyse bei Sigmund Freud unterzog, und mit Einverständnis des Meisters 56 Sitzungen protokollierte. Die Protokolle ermöglichen nach Ansicht Pfohlmanns einen tiefen Einblick in den Seelenhaushalt eines jungen jüdischen Intellektuellen. Beeindruckt hat ihn vor allem, wie "behutsam, ja liebevoll" Freud sein Gegenüber auf der Reise ins eigene Ich führte. Nicht immer einverstanden ist er dagegen mit den Ausführungen des Herausgebers Manfred Pohlen. Dessen Kommentierung der Sitzungen bescheinigt er zwar gelegentlich gute Passagen. Aber Pohlens Unterfangen, die Protokolle zum Anlass für einen Generalangriff auf die institutionalisierte Psychoanalyse zu nehmen, weist er ausdrücklich zurück.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 03.05.2006
Als "interessantes Dokument" empfiehlt Volker Breidecker die in den zwanziger Jahren entstandenen Sitzungsprotokolle Sigmund Freuds, die dessen Schüler Ernst Blum angefertigt hatte. Der Analytiker entpuppe sich hier entgegen mancher Klischees als gewissenhafter Zuhörer, der die sokratische Hebammenkunst, die Mäeutik, beherrsche. Allerdings hätte es der Rezensent begrüßt, wenn Manfred Pohlen im editorischen Kommentar darauf verzichtet hätte, wieder einmal in "anklägerischem Pathos" die "wahre Freudsche Offenbarung" zu erforschen.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 20.04.2006
Eine gewisse Neigung zur Verschwörungstheorie vermutet Ludger Lütkehaus bei dem Psychoanalytiker Manfred Pohlen. Mehr noch: hier zieht jemand mit enervierender Deutungslust und "wütenden Polemiken" gegen den "unfreudianischen Rest der Welt" zu Felde und fühlt sich obendrein bemüßigt, Freud gegenüber der etablierten medizinischen "psychoanalytischen 'Stasi'" in Schutz zu nehmen. Damit, so Lütkehaus, wiederhole Pohlen genau jenes Verhalten, den das angebetete Idol Freud einstmals als Überidentifikation mit der Autorität beschrieb. Das ist alles in allem mehr als ärgerlich, findet der Rezensent, denn eigentlich zeichne das Buch mit den Protokollen des Freud-Freundes und Psychiaters Ernst Blum ein "lebendiges" und "anziehendes" Bild Freuds, der seinen Patienten mit viel Empathie, "Gelassenheit und Liberalität" gegenüber trat und den selbst formulierten distanzierenden Behandlungsverfahren "auf das Humanste widerspricht".
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