Wie existieren in einem System, das ein Durchatmen beinahe unmöglich macht? Wie jeden Morgen sitzt Selah auf der Veranda und wartet in die Stille hinein. Drei Monate sind vergangen, seit Selah sich krankgemeldet hat, um zu verschwinden. Doch die gewünschte Einsamkeit wird unerwartet zur Triebfeder für Vergangenes und Verdrängtes: Aufgewachsen in bescheidenen Verhältnissen, ist Selahs Beziehung zur Mutter von Erwartungsdruck, Schweigen und Scham geprägt - sie begleiten Selah bis ins Erwachsenenalter hinein. Als die Mutter im Sterben liegt und Selah längst ein Leben mit der eigenen Familie führt, werden die noch immer klaffenden Wunden offenbar. Da sind ungewollte Erlebnisse und Entscheidungen, die wie Phantome an der Haut kleben. Eine Bringschuld, auch wenn Selah gar nicht weiß, wem gegenüber eigentlich. Und Glaubenssätze, die so tief verankert sind, dass deren Abschütteln Lebensaufgabe ist.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 27.03.2024
Rezensentin Maha El Hissy freut sich über Luca Mael Milschs Buch, das von den vier Leben der Heldin Selah erzählt. Diese vier Leben lassen sich in Kindheit, Heranwachsen, Alltag und letztlich die Sterbebegleitung ihrer Mutter gliedern, resümiert die Rezensentin. Im Verlauf wird Selah immer mehr bewusst, dass sie nicht nur in ihrem "magenumdrehenden, eng durchgetakteten Leben" gefangen ist, sondern auch mit heteronormativen Lebensformen sowie einer klassischen Geschlechterordnung wenig anfangen kann. Deshalb wird sie radikal achtsam und löst sich aus den vorgebenen Strukturen. Die Kritkerin schätzt das sehr, wird sie doch selbst durch das Buch zum Durchatmen aufgefordert. Auch formal trägt Milschs Buch zur Entschleunigung etwa durch das "Konvolut von Nebensätzen" bei. Jede Zeile hinterlässt bei El Hissy eine "tiefe Wirkung".
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