Aus dem Amerikanischen von Gesine Schröder. Mehr als ein halbes Jahrhundert hat Vater Damien Modeste sich ganz in den Dienst seines geliebten Stammes der Ojibwe im abgelegenen Reservat Little No Horse gestellt. Nun da sein Leben zu Ende geht, muss er fürchten, dass das große Geheimnis seines Lebens doch noch ans Licht kommen könnte: er ist in Wahrheit eine Frau. In ihrem bislang nichts ins Deutsche übertragenen Roman erkundet Louise Erdrich das Wesen der Zeit und den Geist einer Frau, die sich gezwungen fühlte, sich selbst zu verleugnen, um ihrem Glauben dienen zu können.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.12.2019
Endlich ist dieser große Roman von Louise Erdrich auch auf Deutsch erschienen, freut sich Rezensentin Sandra Kegel. Die amerikanische Autorin, die selbst Wurzeln bei den Chippewa hat, erzählt darin die Geschichte des imaginären Indianerreservats Little No Horse und seines Seelsorgers Father Damien, informiert die Kritikerin. Weil der Priester ebenfalls mit seiner Identität hadert, kann er sich sehr gut auf die Reservatsbewohner einlassen und gelangt nah an sie heran, verrät Kegel. So entsteht der Rezensentin zufolge eine Sammlung vieler Momente, Szenen und Ereignisse, die Damien in dem Reservat erlebt, und alles setzt sich zu einem berührenden Porträt des Lebens dort zusammen, das ohne Exotismus auskommt, wie Kegel versichert.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 26.11.2019
Louise Erdrich ist trotz ihres Erfolges in den USA hierzulande eher unbekannt - zu Unrecht findet Rezensent Felix Stephan. Die amerikanische Autorin wuchs in den sechziger Jahren in einem Reservat auf und studierte später Literatur am angesehenen Dartmouth College. Sie schreibt also aus eigener Erfahrung, wenn sie von dem Zusammenstoß der Kulturen erzählt und den Konflikten zwischen der Naturreligion der Ureinwohner und dem Rationalismus, dem Katholizismus und Individualismus der Einwanderer. Einige mögen Erdrichs Zugriff auf dieses Thema zu unkritisch, zu "versöhnlich" finden, so Stephan. Der katholische Glaube etwa, zu dem das Volk der Ojibwe in "Die Wunder von Little No Horse" bekehrt werden soll, ist weder aggressiv noch halsstarrig und sogar selbst bedroht. Die gewaltvolle Missionierung und der Völkermord an den Ureinwohnern ist an sich nie Thema in Erdrichs Romanen, sondern eher das Fundament, auf dem nicht Täter und Opfer sich begegnen, sondern Menschen, so Stephan. Ein Lob verdient die Autorin nach Meinung des Rezensenten außerdem dafür, dass sie die Sprache der Ojibwe gelernt hat und ihre tradierten Mythen und Erzählformen in ihren Texten weiterleben lässt.
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