Klappentext
Der lebende Beweis erzählt von einer Frau Mitte 40, die eine zunehmende Entfremdung verspürt - von ihrer Umgebung, ihrer Familie und von sich selbst. Zurückgezogen auf den Dachboden ihres Hauses, blickt sie auf das Dorf, in das sie einst voller Hoffnung gezogen ist. In dem Versuch, die Welt um sich herum und ihre Position darin neu zu begreifen, beginnt sie eine "wissenschaftliche Untersuchung des kollektiven Bewussten und Unbewussten des Ortes".In Begleitung des gewissenhaften Dorfchronisten, der esoterischen Pastorin und zweier Außenseiter begibt sie sich auf eine Reise in die Untiefen des abgelegenen Fleckens. Die Grenzen zwischen Beobachterin und Beobachtetem verschwimmen. Je tiefer sie in die Mechanismen des Dorfes eindringt, desto klarer wird: Ihre Forschung gilt nicht nur dem Ort, sondern auch ihrer eigenen Natur - und der Natur des Menschen überhaupt. Sie selbst wird zur "porösen Stelle", durch die längst verdrängte Gespenster an die Oberfläche drängen. Was als rationale Analyse beginnt, destabilisiert sich zunehmend - denn die Strukturen, die sie zu entwirren sucht, erfassen sie selbst.Der lebende Beweis ist eine Reflexion über soziale Dilemmata und die Durchlässigkeit der Grenzen zwischen Innen und Außen, Individuum und Kollektiv. Formen wir die Welt, oder formt sie uns? Oder ist das überhaupt ein Widerspruch?
BuchLink. In Kooperation mit den Verlagen (Info)
Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 12.02.2026
Dass hinter Löwenzahnblüte und Dorffest oft der Wahnsinn lauert, erfährt Rezensentin Jolinde Hüchtker in Lola Randls neuem Roman, der autobiografisch inspiriert ist: Randl zog von der Großstadt nach Gerswalde in der Uckermark und eröffnete dort ein Gartencafé, was den Dorfbewohnern überhaupt nicht gefiel. Über die Streitigkeiten mit ihnen gibt es auch schon eine Doku, erinnert die Kritikerin, jetzt hat Randl ihre Erfahrungen in einen Roman gepackt. Mit viel Selbstironie verhandelt die Autorin darin die Spannungen zwischen den Einheimischen und dem "Berliner Biobürgertum", das die Mieten hochtreibt und seinen Cappuccino nur aus der Siebträgermaschine haben möchte. Nach vielen Jahren des Kampfes ist die Erzählerin müde geworden, lesen wir, nicht nur ihr Projekt geht ihr auf die Nerven, sondern auch ihre Familie. Zum Zweck der Verdrängung stürzt sie sich in eine Art Forschungsprojekt, in dem sie die "Dorfbewohner typologisiert". An sich ist die Story nicht so spannend, meint Hüchtker, die Sprache macht allerdings den Unterschied: sie ist "suchend", witzig und so "ehrlich resigniert", das die Kritikerin eine durchaus vergnügliche und nachdenkliche Lektüre verbringt.
Kommentieren

