Lionel Tiger

Auslaufmodell Mann

Die neuen Rollen von Frau und Mann in der modernen Gesellschaft
Cover: Auslaufmodell Mann
Deuticke Verlag, Wien 2000
ISBN 9783216305206
Gebunden, 399 Seiten, 20,40 EUR

Klappentext

Aus dem Amerikanischen von Sebastian Vogel. Warum ist heutzutage ein Drittel aller Mütter alleinerziehend? Aus welchem Grund erreicht die Scheidungsrate in einigen westlichen Ländern bis zu 50 Prozent? Wieso wollen - oder müssen - immer mehr Frauen arbeiten und Geld verdienen? Für den Anthropologen Lionel Tiger liegen die Wurzeln für die drastische Veränderung sexueller und familiärer Normen und Werte während der letzten Jahrzehnte in der Entwicklung der Pille in den 50er und 60er Jahren. Die Verbesserung der Reproduktionstechnologie, die Verbreitung effektiver Empfängnisverhütungsmittel und deren Kontrolle durch die Frau hat deren Selbstbewusstsein und Eigenverantwortung auf- und ausgebaut. Die Frau kann heute, unabhängig vom Partner, entscheiden, ob sie Kinder bekommen will oder nicht. Männer erleiden aber nicht nur als Erzeuger, sondern zunehmend auch als Ernährer Bedeutungsverlust. Die Männlichkeit steckt in der Krise.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 04.11.2000

Astrid von Friesen stellt zwei Bücher vor, von ihr als "provokant" bezeichnet, die das "Auslaufmodell Mann" behandeln. Leider begnügt sich die Rezensentin damit, diese angeblich zum Widerspruch herausfordernden Thesen - oder was sonst soll dieses Wörtchen: provokant bedeuten? - so auszuführen, dass nicht klar wird, wessen Meinung sie gerade referiert. Und hat sie auch eine eigene? Lionel Tiger: "Auslaufmodell Mann" "Auslaufmodell Mann" - Maria hat es ohne ihn hingekriegt, die Reproduktionsmedizin schafft es ohne ihn, wir sind auf dem Weg zur "vaterlosen Gesellschaft". Mit verheerenden Folgen, meint der Autor. Von Friesen zitiert aus verschiedenen Statistiken, die der amerikanische Anthropologe Tiger zur Untermauerung seiner Schreckensbotschaft heranzieht: egal ob es sich um jugendlichen Suizid, Teenager-Schwangerschaft, Jugendkriminalität oder Drogenabhängigkeit handelt, die Täter bzw. Opfer kommen größtenteils aus vaterlosen Familien. Nach von Friesen erklärt sich Tiger die Angelegenheit als eine Folge der Pille und der damit verbundenen Lockerung der Sexualmoral. Männer könnten sich immer weniger ihrer Vaterschaft sicher sein, während Frauen gleichzeitig immer weniger empfängnisbereit seien. Der "Geschlechterweltkrieg", mit dem von Friesen Tiger zitiert, kann für den Mann nur schlecht ausgehen. Zumal die Welt ohnehin nicht männerfreundlich eingerichtet zu sein scheint: In welcher Schule können Jungs Bäume ausreißen? Paul-Hermann Gruner: "Frauen und Kinder zuerst" Auch der Politikwissenschaftler Gruner wartet laut von Friesen mit Statistiken auf: Frauen verdienen weltweit immer besser, Männer immer schlechter; das männliche Geschlecht wird öfter krank oder psychisch auffällig, stirbt häufiger an Krebs und sowieso früher. Fazit, so von Friesen: "Das Patriarchat tut in erster Linie den Männern schlecht". Die Frauen, besage die These Gruners, müssten indirekt davon profitieren, sonst hätten sie sich schon längst dieses Systems erledigt. Von Friesen zitiert Gruner mit der Aussage, solange es weiter heiße, "Männer sind Versager, Opfer sind weiblich", könne es keine konstruktive Debatte geben. Als Anregung zu einer solchen versteht von Friesen die beiden Bücher, die sie aus Frauensicht "mühsam, aber letztendlich erfrischend" findet. Jovialer Rat der Rezensentin an den Leser: Männer-Power entwickeln.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.08.2000

Hartmut Hänsel stellt in einer Besprechung drei Bücher vor, die überlegen, wer im 21. Jahrhundert bestimmt: die Männer oder die Frauen? Hänsel findet alle drei Bücher vergnüglich zu lesen. Auch seien die Thesen genügend provozierend, "Stammtischrunden aufzumischen".
1) Helen Fisher: "Das starke Geschlecht"
Nach Ansicht der amerikanischen Anthropologin Helen Fisher werden die Frauen in der Zukunft dominieren. Wie der Rezensent berichtet, hat Fischer für ihr Buch anthropologische, psychologische, soziologische und naturwissenschaftliche Studien ausgewertet, es sind aber offenbar die biologischen Erkenntnisse, die Fishers Meinung stützen: Frauen sind für die Zukunft besser gerüstet, weil ihre Hirnhälften besser vernetzt sind und die "evolutionstechnisch jüngeren Regionen" stärker genutzt werden. Frauen sind somit das "weiter fortgeschrittene Modell". Das ist aber noch nicht alles! Die Frauen der geburtenstarken Jahrgänge, die sogenannten babyboomer, kommen jetzt in die Menopause. Damit verändert sich ihr Hormonspiegel - der Testosteronspiegel steigt und damit die Durchsetzungsfähigkeit, referiert Hänsler. Die Argumentation Fishers scheint ihm wohl überzeugend, denn widersprechen will er nicht.
2) Lionel Tiger: "Auslaufmodell Mann"
Auch Tiger, ebenfalls ein amerikanischer Anthropologe, prognostiziert den Abstieg der Männer. In der Schule wegen ihres "größeren Bewegungsdranges" gemaßregelt, sexuell frustriert, politisch ohne Führungsanspruch und wirtschaftlich verelendet - so beschreibt Hänsel die Zukunft wie Tiger sie sieht. (Uns kommen die Tränen.) Besonders die sexuelle Unabhängigkeit (Antibabypille) und der wirtschaftliche Aufstieg der Frauen sei daran schuld. In diesem letzten Punkt widerspricht Hänsel dem Autor: dass Fraueneinkünfte schneller steigen als Männergehälter muss seiner Ansicht nach nicht gleich zu einer "Verelendung" der Männerwelt führen. Der Rezensent kann sich allerdings auch nicht zu dem Bekenntnis durchringen, dass hier langsam eine längst überfällige Anpassung der Einkommen erfolgt.
3) Wolfgang Bergmann: "Ikarus 2000"
Nur Bergmann ist der Ansicht, dass die Zukunft männlich dominiert ist, erzählt Hänsel. Der Autor mache seine Argumentation an zwei männlichen Modellen fest: Ikarus und Narziss. Ikarus sei das erste Beispiel für die "technisierte Loslösung vom Ich", so wie der moderne Manager - immer flexibel, immer einsatzbereit - das moderne Beispiel sei. Der Traum vom "Verschmelzen mit der Maschine" werde mit der modernen Computertechnologie (ein Männerfeld!) immer realer. Die Kehrseite dieser Selbstverliebtheit sei die Einsamkeit. Der Kontakt mit der Umwelt bricht - wie bei Narziss - ab. Ob dies der Punkt ist, wo die Frauen wieder ins Spiel kommen, sagt Hänsel nicht.
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