Abschied Von Gestern
Roman

Verlag Das kulturelle Gedächtnis, Berlin 2025
ISBN
9783946990857
Gebunden, 320 Seiten, 26,00
EUR
Klappentext
Aus dem Englischen von Beate Swoboda. Lili Körbers bisher unveröffentlichter Roman "Farewell To Yesterday", im New Yorker Exil auf Englisch geschrieben, erzählt nah an Körbers eigenem Erleben die Geschichte des aus Wien geflohenen und in New York lebenden Ehepaars Genia und Robert Schicht. Sie Konzertpianistin, er Kinderarzt ohne Anstellung, ziehen die beiden im Sommer 1941 mittellos in ein Mietshaus, das ausschließlich von deutschsprachigen Emigranten, meist jüdischer Herkunft, bewohnt wird. Vom Keller bis zum Dachgeschoss wohnen − gestaffelt nach Einkommen und Beruf − die Hausmeisterfamilie, die Hausbesitzerin aus Berlin, wohlhabende Akademiker aus Frankfurt, verarmte jüdische Geschäftsleute aus Prag und Künstler aus Wien. Ganz oben, wo es keine Flurläufer mehr gibt, teilen sich die Schichts Bad und Küche mit einer jüdischen Krankenschwester, die ihre fünf Kinder in Deutschland zurücklassen musste. Der Roman schildert die Existenzkämpfe der Hausbewohner und begleitet das Ehepaar Schicht über zwei Jahre lang bei den oft vergeblichen Versuchen, der unverschuldeten sozialen Deklassierung und den finanziellen Schwierigkeiten zu entkommen. Genia nimmt jeden sich bietenden Job an, arbeitet als Haushaltshilfe oder Hauslehrerin, während Robert sich auf seine Approbation vorbereitet − ein Überlebenskampf, der ihre Ehe vor eine Zerreißprobe stellt.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 22.01.2026
Rezensentin Cornelia Geißler freut sich, dass dieser im Deutschen Exilarchiv entdeckte Roman von Lili Körber nach 80 Jahren erstmals auf Deutsch erscheint: Darin flieht ein Paar vor den Nazis in die USA, sie ist Pianistin, er Arzt. Körber lässt Genia Schicht, ihre Protagonistin, zwischen den Widersprüchen schwanken, Europa oder Amerika, Hoffnung auf die Zukunft oder Angst vor der Gegenwart des Nationalsozialismus, vor dem Krieg, erfahren wir. Geißler beeindruckt, wie Körber in lebendigen Bildern etwa darüber schreibt, wie es sich anfühlt in einer neuen Gesellschaft anzukommen, in der man nicht unbedingt willkommen geheißen wird. Auch wie Körber über die jüdischen Geflüchteten und ihre Sorgen schreibt, wie sie aber auch klarmacht, dass die Flucht für das im Zentrum stehende Paar vor allem auch Glück war, findet die Kritikerin äußerst lebenswert.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 05.12.2025
Zu Lebzeiten hat Lili Körber den Durchbruch als Schriftstellerin nicht geschafft, erinnert Rezensent Helmut Böttiger, vielleicht aber nun posthum, nachdem das Manuskript ihres Romans im Deutschen Exilarchiv gefunden wurde. Das Buch handelt von einem Wiener Ehepaar, das in die USA emigrieren muss. Mit rasantem Szenenwechsel und eigenwilligem Personal ausgestattet wird das neue Leben in Amerika gezeigt, das dem Paar Genia und Robert in seinem Überfluss gänzlich unvertraut ist, so Böttiger. Für ihn schwankt der Roman überzeugend und realistisch zwischen tragischen und lustigen Elementen, zwischen der Trauer um das Verlorene und der Freude am Neuen. Er hofft, dass Körber nun der Ruhm zuteil wird, der ihr eigentlich zusteht.
Rezensionsnotiz zu
Die Zeit, 20.11.2025
Lili Körber ist heute fast vergessen, aber vielleicht ändert die posthume Veröffentlichung ihres Romans das, überlegt Rezensentin Ann-Kristin Tlusty: Angelehnt an ihre eigene Biografie handelt das Buch von einem Ehepaar, das in den 1940er-Jahren aus Wien nach New York flieht. Sie kommen in einem "rooming house" voller weiterer Geflüchteter unter und sind vom amerikanischen Wohlstand völlig erschlagen, so Tlusty. Sie fühlt sich inhaltlich ein wenig an Anna Seghers erinnert, auch wenn Körber das sprachlich nicht ganz einlösen kann, ein gründlicheres Lektorat hätte da vielleicht gut getan. Zu Lebzeiten hat sich kein großer Ruhm mehr für die Autorin eingestellt, lesen wir zum Schluss noch.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 19.11.2025
Rezensent Paul Jandl lobt diesen wiederentdeckten Roman der austroamerikanischen Autorin Lili Körber von ganzem Herzen: Denn achtzig Jahre nachdem dieses "Zeitdokument" geschrieben worden ist, erscheint der auf vielen Ebenen autobiografische Roman nun und beeindruckt in seiner Vielschichtigkeit und gleichermaßen Präzision. Die darin archivierte Ambivalenz der späten 30er-Jahre erlaubt eine historische Zeitreise in ein "vor Lebenslust vibrierendes und zugleich tief pessimistisches" New York. Die Autorin floh 1938 vor den Nationalsozialisten von Wien über Zürich und Paris nach New York - damals Zufluchtsort für 70.000 jüdische Emigranten aus Europa, erinnert Jandl. Im Mittelpunkt der Handlung steht das aus Wien geflohene Ehepaar Schicht, dass sich in New York durchschlagen muss: Die beiden wohnen in einem Backsteingebäude "durchweht von den Stimmen der Emigration". Dass Körber dieses Umfeld selbst erlebt hat, kann Jandl an der Authentizität ihrer Schilderungen spüren, Beate Swoboda hat die Feinheiten und die sensible "Hellhörigkeit" von Körbers Figuren hervorragend vom Englischen ins Deutsche übertragen. "Hoffnung, Liebe und Todessehnsucht" haben in diesem für Jandl sehr beeindruckenden Roman Platz, der das vermeintlich Vergangene wieder sehr lebendig werden lässt.