Leo Tuor

Onna Maria Tumera

oder Die Vorfahren
Cover: Onna Maria Tumera
Limmat Verlag, Zürich 2004
ISBN 9783857914539
Gebunden, 176 Seiten, 21,00 EUR

Klappentext

Aus dem Rätoromanischen von Peter Egloff. Sein Vater hat sich umgebracht, seine Mutter ist darob kalt geworden. Jetzt wächst «der Bub» bei den Großeltern und der Urgroßmutter Onna Maria auf. Die Letztere wird seine starke Instanz, mit dem einarmigen Großvater Pieder Paul teilt er den Phantomschmerz, in der Suche nach anderen Menschen, denen etwas fehlt, nach Einarmigen und Einbeinigen, nach Prothesen, nach Vätern und Übervätern. Onna Maria spricht wenig, aber bestimmt, Pieder Paul viel, aber nur in Zitaten. Leo Tuor zeichnet das Heranwachsen des Buben nach in einem ganz gewöhnlichen, katholischen Dorf zu einer Zeit, als Welten und Weltbilder noch geschlossen waren. Und so leicht seine Prosa ist, so wenig glättet sie diese kleine, exemplarische Welt voller Schrullen und Schratten, Enge und Größe, Schabernack und Tiefe. Und fließend fügen sich die Erinnerungen zu einer surselvischen Geschichte anhand von vier Generationen und zu einer Integration des erzählenden Ich in seine genealogia.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.08.2005

Für Esther Kilchmann stellt der schmale Band des in der Schweiz geborenen und rätoromanisch schreibenden Autors Leo Tuor "gewissermaßen den Torso eines Romans" dar, nicht nur, weil dort leitmotivisch vom "Verlust von Körperteilen" die Rede ist. Das Buch beschreibt in kurzen und manchmal ziemlich "unvermittelt abbrechenden" Episoden eine abgeschieden lebende Bergfamilie und der Autor spürt dort der immer wieder in der Überlieferung abreißenden Ahnenreihe nach, fasst die Rezensentin zusammen. Besondere Betonung findet in ihrer Besprechung die "verdienstvolle" Übertragung ins Deutsche durch Peter Egloff, nicht zuletzt, weil der Übersetzer mit rätoromanischen Einschüben im Text auch einen Eindruck vom "Klang und Rhythmus der Originalsprache" vermittelt. Durch Erzählungen der Urgroßmutter, des einarmigen Großvaters und der Mutter soll die Verbindung zu den Vorfahren, die an einigen Stellen wie "amputiert" ist, wiederhergestellt werden, erklärt Kilchmann, die in den "Lücken der Überlieferung" das Hauptinteresse Tuors liegen sieht.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 17.07.2004

In diesem Prosaband, so der mit "cav" zeichnende Rezensent, begibt sich der auf Rätoromanisch schreibende Leo Tuor auf "eine wunderbare poetische Recherche über Sozialstrukturen und Volksreligiosität" einer "untergangenen Welt", nämlich dem Leben in einem Bergdorf des Bündner Oberlandes. Und das, so der begeisterte Rezensent, ist recht bewegt, nicht zuletzt aufgrund der "Ausnahmeerscheinungen" im Dorf, wie dem "Bub" mit seinem "unschuldig-subversivem Blick", der ab und an als Erzähler fungiert, der abenteuerlichen Urgroßmutter Onna Maria, die aus Russland ins Dorf zurückgekehrt ist und allerhand Aberglauben der Dorfbewohner auf sich zieht, und dem einarmigen, "belesenen" und "(un)vernünftigen" Großvater. Dieser, so der Rezensent, liefere auch das poetologische Prinzip der Surselver Saga: "Das Leben ist kein Roman, das Leben ist ein Haufen unfertiger Geschichten." Mit seinem Ton "zwischen Direktheit und Respekt, zwischen leiser Wehmut und leichtem Spott", so das lobende Fazit des Rezensenten, ist Tuor das "pointierte" Porträt einer "oft skurrilen Welt" gelungen.
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