Aus dem Koreanischen von Kai Köhler und Lee Kyung-Boon. Mit einem Nachwort von Kai Köhler. Südkorea hat in den vergangenen vierzig Jahren eine außerordentlich schnelle Modernisierung erlebt. Nach dem Korea-Krieg (1950-1953) eines der ärmsten Länder der Welt, mit einer fast ausschließlich bäuerlichen Bevölkerung, vollzog sich von etwa 1960 an ein rascher Aufstieg. Lee Sung-U, obgleich erst Mitte 40, hat also einen Wandel erlebt, für den Europa ein Jahrhundert brauchte. Diese Entwicklung brachte nicht allein steigenden Wohlstand für immer größere Teile der Bevölkerung, rapide Verstädterung und damit zuletzt ein Mehr an individuellen Freiheiten. Erkauft wurde der Fortschritt über Jahrzehnte hinweg mit katastrophalen Arbeitsbedingungen und einer Militärdiktatur, die von dem Putsch des Generals Park Chung-Hee 1961 bis in die neunziger Jahre hinein jede Opposition gewaltsam unterdrückte, erkauft wird der Fortschritt auch mit zunehmender Vereinzelung, die in Lee Sung-Us Erzählungen mehrfach ihre Widerspiegelung findet. Obwohl sich Lee Sung-U vor allem der Gegenwart zuwendet, spielen politische Konflikte in seinem Werk nur eine geringe Rolle. Vielmehr reflektiert er seine Distanz von der Politik in zwei Schriftstellerfiguren, die sicher nicht mit ihm gleichgesetzt werden können, deren Haltung jedoch deutliche Parallelen zu der seinen aufweisen...
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 15.10.2005
Welches Thema die koreanische Literatur auch behandelt, und welche stilistischen Mittel sie auch dabei benutzt - die katastrophale Geschichte des Landes im 20. Jahrhundert spielt immer eine Rolle. Das gilt ganz besonders für die Erzählungen von Lee Sung U, schreibt Ludger Lütkehaus. So gibt es in diesem Band eine "böse Satire" auf die Präsidentschaft des 1961 an die Macht geputschten Generals Park Chung Hee, eine andere Geschichte erzählt von einem Unternehmer, der in der großen Wirtschaftskrise von 1997 alles verliert, dabei jedoch "paradoxerweise" sich selbst findet. Programmatisch für die Erzählungen in diesem Band ist aber der Titel der Haupterzählung, "Vermutungen über ein Labyrinth", meint unser Rezensent. Kafka sei in den Geschichten "bis zum direkten Zitat allgegenwärtig". Mit seinem "hochvirtuosen" Erzählstil verwische der Autor "systematisch" die Grenzen zwischen Realität und Traum. Doch dieser koreanische Surrealismus ist ungemein realistisch, findet Lütkehaus.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.06.2005
In seiner knappen Besprechung des Bandes mit Erzählungen des koreanischen Autors Lee Sung-U betont Steffen Gnam vor allem das "Kafkaeske" und "Absurde" der Geschichten, in denen Schriftsteller, Autisten und andere Randfiguren der koreanischen Gesellschaft im Mittelpunkt stehen. Als Grundierung der "autobiografisch angehauchten" Texte sei eine "Atmosphäre der Bespitzelung und ein latentes Krisengefühl" spürbar, die vor allem die Macht des Staatsapparates und die "Entfremdung" des Einzelnen artikuliere, meint der Rezensent, der das Bedrückende der Erzählungen hervorhebt. Insbesondere dort, wo die Bürokratie in die Welt der Protagonisten einbricht und sich in "archaisch-animalischen" Bildern bricht, erinnern sie den sichtlich beeindruckten Gnam an Ionescos absurde Stücke.
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