Kerstin Hensel

Im Spinnhaus

Roman
Cover: Im Spinnhaus
Luchterhand Literaturverlag, München 2003
ISBN 9783630871455
Gebunden, 251 Seiten, 19,00 EUR

Klappentext

Nicht unweit von Dresden, zwischen den Ortschaften Lauter, Neuwelt und Schwarzenberg steht ein ganz besonderes Gebäude mit drei Stockwerken und einem schiefergedeckten Spitzdach: das Spinnhaus. Errichtet um 1860, hat es vielen Menschen eine Heimat geboten, vor allem Frauen. Zu Beginn arbeiteten Spinnerinnen in ihm - "fasernhustend und traumversponnen". Mit Anbruch des 20. Jahrhunderts kam dann seine große Zeit. Wäscherinnen zogen ein, eigensinnige und zähe Frauen, von denen keine auf die Idee gekommen wäre, die Welt der Frau sei nur der Mann. Genau im Jahr 1900 wird im Spinnhaus die "alte Uhlig" geboren. Stumm geht sie durch ihr Leben, wird mit 60 plötzlich schwanger und ist es mit 70 noch immer. Hier lebt Trulla, von der es heißt: "Sie dachte selten daran, daß ihr etwas fehlte." Hier ziehen das Kaiserreich, die Nazizeit und der Sozialismus ihre tiefen Spuren ...

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 02.06.2003

Petra Kohse ist von diesem Buch über die verschiedensten Figuren und Begebenheiten in einem alten Spinnhaus im Erzgebirge enttäuscht. Denn obwohl die Autorin, wie sie findet, viel zu bieten habe, kranke das Buch daran, dass die Geschichten darin nicht gut "ausgewählt und gruppiert" sind, bedauert die Rezensentin. Die kurzen Texte finden sich nicht zu einem Roman zusammen, moniert Kohse, und sie lobt zwar die Figuren des Buches als "bizarr, berührend und biestig", findet jedoch, dass die "lakonische Poesie", die mitunter im Buch zu finden sei, häufig ins "Bedeutungshuberische" umschlägt. "Das findet sie um so betrüblicher, als dass sie viele "schöne" Textpassagen von "schlichter Seltsamkeit" gefunden hat. Hier hätte ein gutes Lektorat viel Ungemach verhindern können, ist die Meinung von Kohse, die anprangert, dass die Autorin augenscheinlich von dem ihrigen richtig "hängengelassen" wurde.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 26.03.2003

Gar nicht einverstanden zeigt sich Burkhard Müller mit Kerstin Hensels literarischem Versuch an einem Heimatopus aus dem Erzgebirge. Müller unterstellt der Autorin Unschärfe und Humorlosigkeit, stattdessen regiere die Sentimentalität. "Im Spinnhaus", so Müller, spannt einen großen historischen Bogen durch das 20. Jahrhundert, doch die Autorin könne die einzelnen anekdotischen Bilderbögen nicht zu einem Gesamtbild zusammenfügen. Zwar berühren oder wiederholen sich einzelne Motive, erläutert der Rezensent, aber darüber hinaus hat er den Eindruck, dass Hensel einen spezifischen "Hauptwortkatalog" erzgebirgischer Eigenheiten abarbeitet. Neben dem Wort "Symbolkitsch" verwendet der Rezensent auch den schönen, aber abfällig gemeinten Begriff der "Einkleidungsprosa" für ein Kapitel über die Judenverfolgung im Ort, das er außerdem für historisch recht unglaubwürdig hält. Anders als der Film "Goodbye Lenin", bedauert Müller, schaffe es das Buch nicht, mehr als sentimentales Bedauern über Vergangenes hochkommen zu lassen: die Raffinesse des Films liegt im Plot, der die Vergangenheit in die Gegenwart hebt und daraus seinen Witz bezieht, erklärt Müller seine Position. Hensel aber gelängen solche raffinierten Perspektivwechsel nicht.
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