Anna Mitgutsch

Zwei Leben und ein Tag

Roman
Cover: Zwei Leben und ein Tag
Luchterhand Literaturverlag, München 2007
ISBN 9783630872568
Gebunden, 352 Seiten, 19,95 EUR

Klappentext

Nach einem Nomadenleben in Amerika, Südostasien und Osteuropa haben sie sich getrennt: Edith und Leonard, zwei Menschen, die nicht wieder zusammenfinden und nicht voneinander lassen können. Was sie verbindet, ist ihr Sohn Gabriel und die Frage, was diesem in seiner Kindheit zugestoßen ist und ihn zum Außenseiter gemacht hat. In langen Briefen an den Ex-Mann, die sie freilich nie abschicken wird, versucht sich Edith noch einmal über ihr Leben und ihr Schicksal Klarheit zu verschaffen und darüber, woran ihre Liebe zerbrach - und ihr Glück...

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.08.2007

Anna Mitgutschs Roman "Zwei Leben und ein Tag" hat Rezensentin Sabine Doering letztlich nicht wirklich überzeugt. Die Beobachtung, aus dem Schicksal der Unglücklichen entstünden oft die interessantesten Bücher, hält sie zwar für richtig. Doch folgt für sie daraus nicht, dass aus Vervielfachung von Leid und Unglück die besseren Romane entstehen. Vorliegender Roman, der in gleich drei parallelen Handlungssträngen Unglück anhäuft, scheint ihr hierfür ein gutes Beispiel. Im Mittelpunkt sieht sie Edith und Leonard, die ein akademisches Nomadenleben führen und deren Ehe scheitert. Mitunter "etwas ermüdend" findet sie die langen, nicht abgeschickten Briefe Ediths an ihren Ex-Mann, in denen sie Jahrzehnte später das Scheitern der Ehe analysiert und das Aufwachsen ihres autistischen Sohns beschreibt. Doering unterstreicht die in die Briefe eingewebte, sorgfältig recherchierte und lebendig erzählte Biografie Melvilles, über den Edith und ihr Mann einst eine Arbeit schreiben wollten. In Melvilles Leben beziehungsweise in einigen seiner Figuren sieht sie das unglückliche Leben von Mitgutschs Figuren gespiegelt, vor allem das von Ediths Sohn Gabriel, der am Ende von einem Drogendealer erschlagen wird. Insgesamt gelingt es der Autorin zu Doerings Bedauern allerdings nicht, die disparaten Teile des Romans zu einem Ganzen zusammenzufügen.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 12.04.2007

Mit hohem Lob bedenkt Rezensent Meike Fessmann diesen Roman von Anna Mitgutsch, auch wenn sie durchaus Kritik anzubringen weiß. Die Schwäche der verschlungenen Geschichte um ein Ehepaar, das sich einem Nomadendasein zwischen Amerika, Südostasien und Osteuropa trennt, sieht sie darin, dass es der Autorin nicht gelingt, "alles zu integrieren, was sie zusammenfügt". Allerdings verliert dieser Einwand für sie an Gewicht, wenn sie über das "Großartige" dieses Romans spricht, der "Übertragbarkeit seiner katastrophischen Züge auf scheinbar normale Verhältnisse". Die Unsicherheit und Zerbrechlichkeit menschlichen Lebens, der Mangel an Halt, den die modernen mobilen Gesellschaften im Fall akuter Not bieten, scheint ihr das Grundthema des Romans. Beeindruckt hat sie auch, dass das Werk nie zur Abrechnung zwischen Frau und Mann gerät, zumal der auf seine akademische Karriere bedachte Leonard seine Frau Edith und den labilen, isolierten Sohn Gabriel eiskalt in Stich lässt, um eine neue Familie zu gründen.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 07.03.2007

Mit großer "Imaginationskraft" erzähle Anna Mitgutsch parallel von zwei Leben, die im Zeichen des Untergangs stünden. Hier die Stimme des als psychisch krank geltenden Gabriel, dort eine ausgewachsene Melville-Biografie. Über die Mutter Gabriels, berichtet Rezensentin Barbara von Becker, seien beide Leben miteinander verbunden, denn sie habe als Literaturwissenschaftlerin eine Leidenschaft für Melville gehabt, die wiederum die wichtigste Verbindung zum geschiedenen Ehemann gewesen sei. Eine komplexe Verwicklung also, die aus Sicht der Rezensentin auch die Gefahr einer kompositorischen Disproportion berge, wenn der exzentrische Mensch und literarische Titan Melville neben Gabriels stille Innenwelt gestellt werde. Ein weiteres Element seien die nie abgeschickten Briefe von Gabriels Mutter an den Vater nach der Trennung. "Große Themen" sicherlich, attestiert die Rezensentin, aber Anna Mitgutsch habe auch große "magische" Bilder dafür gefunden.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 24.02.2007

Gelungen, allerdings nicht durchgehend, findet Rezensent Leopold Feldmair Anna Mitgutschs neuen Roman, der sich seinen Informationen zufolge mit dem Thema Schuld befasst und für den Rezensenten insofern als Rückkehr zum "Ursprungsgestus des Erzählens" nach all den plaudernden popliterarischen Erklärungen vom Ende der Schuld sehr willkommen ist. Im Zentrum stehen nie abgeschickte Briefe einer Frau an ihren Exmann, worin sie nach ihrer Schuld am Scheitern der Beziehung fragt. Diese Ehegeschichte ist für Feldmair von "rührender Schlichtheit" und bietet dabei manche literarisch hochklassige Passage. Nicht unbedingt zum Vorteil des Romans verwebt die Autorin zu Feldmairs Bedauern ihre Geschichte dann aber mit zwei weiteren Erzählsträngen, die sich mit zwei Romanfiguren Herman Melvilles auseinandersetzen. Hier wäre für den Rezensenten wohl weniger mehr gewesen. Auch das "holzschnittartige" Ende des Romans findet er enttäuschend.
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