Kerstin Hensel

Falscher Hase

Roman
Cover: Falscher Hase
Luchterhand Literaturverlag, München 2005
ISBN 9783630872063
Gebunden, 224 Seiten, 19,90 EUR

Klappentext

Der Brandmeister Heinrich Paffrath hat sich von jungen Jahren an der Bekämpfung von Feuer verschrieben. Beim Brand des Reichstags hat er an vorderster Front das Feuer zu löschen versucht; von Adolf Hitler erhielt er für diesen Einsatz ein persönliches Dankschreiben. Trotzdem hält er sich von der Politik fern, seine proletarische Mutter hatte ihm das dringend ans Herz gelegt. Auch sein Sohn, Heini Paffrath, hält sich aus den Entwicklungen der Zeit heraus. Er hat sich in eine Zahnarzthelferin verliebt, und als diese 1961 nach dem Bau der Mauer im Ostteil der Stadt bleibt, verläßt er Westberlin, wird in Ostberlin Volkspolizist und geht seinem Beruf als Ordnungshüter auch dann noch ungerührt nach, nachdem er seine große Liebe aus Enttäuschung glaubt umgebracht zu haben.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 13.09.2005

Eine historisch genau datierte Lebensgeschichte aus Berlin-Pankow werde in "Falscher Hase" erzählt, berichtet Rezensent Martin Zingg. Polizeikommissar Heini Paffrath gehe im Mai 2003 in Rente, und von hier aus blicke der Roman zurück auf dessen Lebensgeschichte bis zum verehrten Vater, einem "verlässlichen" Feuerwehrmann und NSDAP-Mitglied. Wie der Vater sei auch Heini ein geborener Mitläufer und Normerfüller, referiert der Rezensent, und habe stets pflichtgemäß seine Arbeit getan. Privat jedoch habe der Held ein Problem mit Veränderungen jeglicher Art. Die missglückte erste Liebe, neue Nachbarn, die auch nichts von ihm wissen wollen, alle menschlichen Probleme integriere Heini Paffrath in ein halluzinatorisches Wahnsystem, dass zuletzt doch vor der Wirklichkeit kapituliere. Die Autorin, so der Rezensent, erzähle Heini Paffraths zwischen Realitätssinn und Wahn oszillierendes Leben in einer "schnellen, sehr farbigen und kühlen Sprache". Gelegentlich jedoch "drohe" die absichtsvolle Konstruktion voller Geschichtsdaten die erzählte Geschichte zu "erdrücken".

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 18.05.2005

Rezensentin Petra Kohse erblickt in Kerstin Hensels zweitem Roman "Falscher Hase" die "Überzeichnung einer durchaus allgemein gemeinten Psychopathologie" vor dem Hintergrund deutscher Geschichte von den 1930ern bis in die Gegenwart. Es geht um die Lebensgeschichte des Berliner Feuerwehrmannes Heinrich Theodor Paffraths und die seines Sohnes Heini, von diesem in Rückblicken erzählt, nachdem er im Jahre 2003 sein Berufsleben abgeschlossen hat, erfahren wir. Heini sei bis dato nicht erwachsen geworden, sondern durch sein Leben getaumelt, vom blockierten Nachkriegsberlin in die DDR, dort zur NVA und später zur Volkspolizei, nach der Pensionierung zurück in den Westen und zuletzt wegen Brandstiftung ins Gefängnis, paraphrasiert Kohse. Sie beschreibt ihn als den "perfekten Ost-Untertan ... aber aus Unreife. Ein Kindkaiser, der die Grenzen zwischen dem Ich und der Welt nicht scharfstellen kann". Beeindruckt gibt die Rezensentin sich von der Sprache Hensels, weniger zufrieden ist sie allerdings mit dem allzu aufdringlich durchscheinenden Anspruch des Romans, "Deutsches" zu spiegeln. Das "beschwert die Sache ziemlich", findet Kohse.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 17.03.2005

Thomas E. Schmidt meint in Kerstin Hensels Geschichte aus Berlin den Geruch von "Treppenhaus und Küche" zu wittern. Der Protagonist Heini Paffrath ist ein "kleinbürgerlicher Dämon", der seine eigenen Zurückweisungen mit Aufschneiderei, Denunziation und schließlich Mord kompensiert, und dann im selbst gewählten Exil DDR geduldet wird. Angenehm überrascht vermerkt der Rezensent, wie "plastisch" Paffrath beschrieben wird. "Das ist selten geworden im deutschen Gegenwartsroman." Gut auch, dass Hensel ihre Geschichte nicht in eine verallgemeinernde Fallstudie münden lässt, sondern der Ebene der "skrupulösen individuellen Geschichten" treu bleibt. Damit gelingt es ihr nicht nur ein Buch zu schreiben, "in dem man etwas über Deutschland erfährt", sondern auch den Erzählrealismus zu erneuern, ohne in eine "höhere Ordnung" voll "relativer Langweiligkeit" abzudriften. Das Buch sei zudem "sorgfältig komponiert", da störe auch die "gewisse Pedanterie", mit der Hensel ihre Leitmotive verfolgt, nicht weiter.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.03.2005

Enttäuscht zeigt sich Andreas Kilb von Kerstin Hensels jüngstem Roman, wieder eine allegorische Geschichte, wie er versichert, die vom Zweiten Weltkrieg quer durch die DDR-Geschichte bis zum Mauerfall führt. Wo andere Historienmaler - Kilb nennt Grass, Walser und Kumpfmüller - eher zu dick auftrügen, wirke Hensels Roman leider zu dünn gepinselt, bedauert er. Vor einem historischen Großroman scheine die Autorin zurückzuscheuen, denn immer wenn ihr der Stoff zu groß werde, wende sie ihn ins Anekdotische, stellt Kilb fest. So kette sich Szene an Szene, Bedeutungsmuster an Bedeutungsmuster, ohne jemals zum Kern, zu einer inhaltlichen Aussage vorzudringen. Hensels Kunstsprache knüpft, für Kilb bezeichnend, keine Zusammenhänge, sondern verlegt sich aufs Naheliegende, wobei sie häufig ins Unscharfe abrutscht, bemängelt Kilb. Hensels Protagonist - ein Volkspolizist, der dem Trugbild der wahren Liebe nachjagt - ist dem Rezensenten viel zu kontur-, zu fleischlos, "weder Person noch Chiffre", schreibt Kilb, eine leblose "Gliederpuppe", der Hensel ihre Ideen zum deutschen Zwangscharakter eingenäht hätte.
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