Karl Mickel

Geisterstunde

Gedichte
Wallstein Verlag, Göttingen 2004
ISBN 9783892447412
Gebunden, 103 Seiten, 22,00 EUR

Klappentext

Karl Mickel gehörte mit Volker Braun, Heinz Czechowski, Bernd Jentzsch, Rainer Kirsch, Sarah Kirsch und Richard Leising zum Freundeskreis der später sogenannten Sächsischen Dichterschule. Auch Elke Erb und Adolf Endler, mit dem Mickel die legendäre Anthologie "In diesem besseren Land" (1966) herausgab, standen dem Kreis nahe. Mickels Lyrik beeindruckt durch die Kombination von expressiven Fügungen und hohem Ton, Umgangssprache und ästhetischem Ausdruck. Der Gedichtband "Geisterstunde" wurde von Karl Mickel zusammengestellt und erschien kurz vor seinem Tode als Privatdruck. Der Band liegt hier erstmals in einer öffentlichen Ausgabe vor. In den Zyklen "Irrlicht", "Schiller Chöre", "Das Jahrhundert" und "Zeitsprung" finden sich Gedichte, die in der Zeitspanne von der Entstehung von "vita nova mea" (1963) bis zu Mickels letztem Lebensjahr entstanden.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 04.01.2005

Der DDR-Dichter Karl Mickel war von seinem Staat überzeugt, auch wenn ihn dieser misstrauisch beäugte, hält Beatrice von Matt fest. Mickels Dichtkunst galt als zu artistisch, zu freiheitsliebend. Ein "Formversessener", so von Matt, der seine Verse höchst eigenwillig baute und sie frechlustig klingen ließ. Vor vier Jahren, erinnert uns die Rezensentin, ist Mickel gestorben. Sein letzter Gedichtband ist nun erschienen, und nachdem sich von Matt Mickels "Geisterstunde" zu Gemüte geführt hat, kommt sie zu dem Schluss, dass dieser den Untergang der DDR nie verwunden habe. Der Band enthält Bitterkeiten, die man nur unwillig zur Kenntnis nehme, gesteht von Matt, andererseits seien schöne Gedichte mit kräftigen Bildern darin enthalten, auch aus der "neuen Zeit" nach 1989. Insgesamt finden sich Verse aus den Jahren 1963 bis 1999 in dem Buch, teilweise in überarbeiteter Fassung. Vielleicht sei Mickel auch weniger von der politischen Umwälzung irritiert gewesen, überlegt von Matt weiter, als überhaupt von einer neuen Epoche, dem Computerzeitalter, das für Mickel Wortgewucher, Auflösung und Auslöschung von Sprache bedeutet hätte. Sein letztes Gedicht "Epitaph" war eine klare Anweisung, zitiert ihn von Matt: "Setz kein Wort hinzu."

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 19.05.2004

Im Jahr 2000 ist der Lyriker Karl Mickel verstorben, und wie bei vielen Lyrikern war der Tod ein Thema, das ihn beschäftigt hat. In seinen späten Gedichten kehrte Mickel vielleicht nicht zufällig zum Genre der Grabinschrift zurück, das er in den sechziger Jahren schon einmal ausprobiert hatte. Doch was für ein Unterschied, ruft Stephan Speicher erstaunt aus. Wie beweglich das Epitaph damals, wie starr das aus dem Jahr 1997! Speicher schließt daraus, "was noch zu sagen ist, ist Wiederholung einer Wahrheit aus sehr alter Zeit". Diese Art der "Seelenverdüsterung", meint Speicher, war nicht typisch für Mickel, der ein Genussmensch gewesen sein muss und immer wieder in Konflikte mit den DDR-Oberen geriet. Dennoch, das Ende der DDR muss ihn getroffen haben, vermutet Speicher. Der vorliegende Band enthält u.a. einige Chorverse, die Mickel für eine Berghaus-Inszenierung von Schillers "Braut von Messina" überarbeitet hat. Die vorliegende Präsentation der Mickel-Gedichte im Wallstein Verlag findet Speicher "mehr vornehm als handlich", er verweist auf einen Band der Schiller Gesellschaft, in dem Mickels Bearbeitung der Schillerschen Verse komplett enthalten ist. Zu guter Letzt noch ein Lob auf den Dichter: wie sonst nur Peter Rühmkorf habe Mickel die deutsche Literaturgeschichte gesichtet, genutzt und ihre Themen und Motive fortgeführt. Ab und an sei er dabei dem Reiz der "Literatur als Spiel der Eingeweihten" erlegen.
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