Vom ersten großen Erfolg, dem Werther, bis in die Gegenwart ist Goethe ein umstrittener Autor geblieben. Zunächst war er den Aufklärern ein Dorn im Auge, dann den Frommen, schließlich linken wie rechten Wortführern politisch engagierter Literatur. Aus alledem floß schon zu seinen Lebzeiten das Urteil zusammen, daß Goethe ein Wüstling, ein Höfling, ein undeutscher Diener des Zeitgeschmacks sei. Das Spektrum der Kritiker, das dieser Band enthält, reicht von den Goethe-Zeitgenossen Lichtenberg, Novalis, Kleist, Heine, Varnhagen über Fontane, Thomas Mann, Martin Heidegger und Arno Schmidt bis zu Hans Blumenberg, Eckhard Henscheid und W. Daniel Wilson. Diese Namen repräsentieren nicht die Schmähkritik, sondern die ernsthafte Bemühung um kritische Aneignung dieses Autors, der es auch seinen Verehrern nicht immer leicht macht.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.10.2001
Bei dem Buch handele es sich um die Dokumentation einer Münchner Ringvorlesung, die eine "Angriffslust" vorstelle, die auf unterschiedlichem Niveau vorgetragen werde. So werden zahlreiche bedeutende Kritiker, unter anderem Novalis, Kleist, Heidegger und Blumenberg, vorgestellt, die aber nicht immer neben ihrem Objekt der Kritik bestehen könnten wie der Rezensent Hans-Jürgen Schings am Ende seiner Besprechung schreibt. Insbesondere hebt Schings die kritische Auseinandersetzung Blumenbergs mit Goethe positiv hervor. Im Duktus eines "benjaminisch-barocken Melancholikers" habe dieser die neuzeitliche Selbstbehauptung 'im Horizont des memento mori' entfaltet. Auch dem Beitrag von Wolfgang Frühwald über die Versuche der Humanisten, Goethe vor dem Radikalismus zu schützen, bescheinigt Schings, "fesselnd" geschrieben zu sein.
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