Judith Rottenburg
Die Kunst der Dekolonialisierung
Vom Aufbruch der afrikanischen Moderne und ihrer planetaren Vision
Klappentext
Mit 30 farbigen und fünf Schwarzweiß-Abbildungen. Der bedeutende Einfluss afrikanischer Masken und Statuen auf Strömungen wie den Kubismus, Surrealismus oder Expressionismus ist mittlerweile geläufig. Kaum bekannt ist jedoch, wie Picasso und Co. mit ihrer Rezeption der vermeintlich "primitiven Kunst" wiederum nach Afrika zurückwirkten. Ausgerechnet im Zuge der kulturellen Selbstverständigung und des künstlerischen Aufbruchs nach dem Ende des Kolonialismus sollten sie dort eine entscheidende Rolle spielen.In ihrer bahnbrechenden Schilderung der philosophischen und künstlerischen Avantgardebewegung Westafrikas rekonstruiert Judith Rottenburg die Herausbildung des heute wieder aktuellen "Négritude"-Konzepts in der Pariser Diaspora und seine praktische Weiterentwicklung im Senegal. Und sie zeigt, wie die Künstler bei dem Versuch, eine neue, spezifisch afrikanische Ausdrucksform zu finden, über die Grenzen des Kontinents hinausschritten und einen universalistischen Horizont eröffneten, in dem eine zukunftsweisende Perspektive des Verhältnisses von Mensch und Natur aufscheint. Eine Untersuchung, die nicht nur faszinierende Werke und große Künstler dem Schatten postkolonialer Ignoranz entreißt, sondern auch der gegenwärtigen Debatte um das afrikanische Kulturerbe und seiner Beziehung zu Europa neue Impulse gibt.
Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.09.2026
Achtungsvoll bespricht der hier rezensierende Kunsthistoriker Peter Geimer das Buch seiner Fachkollegin Judith Rottenburg, das ihn vor allem mit seiner großen Differenziertheit beeindruckt. Rottenburg lenke darin den Blick weg von der zurzeit viel diskutierten politischen Dimension der Restitution afrikanischer Kunst zurück auf die Ästhetik an sich und deren Vielfalt. So zeigt sie ganz verschiedene Versuche in den 60er und 70er Jahren auf, sich einer postkolonialen modernen Kunst anzunähern: etwa die leuchtend bunten, dabei die Grenze zwischen Kunst und Kunsthandwerk transzendierenden Teppiche des senegalesischen Künstlers Papa Ibra Tall und seine Lehre, die sich nicht an Gesetzen von Perspektive und Proportion orientierte; daneben die traditionellen, ursprünglich den Ackerbau-Schutzheiligen gewidmeten Ci-wara-Masken, die durch viele Bezugnahmen (etwa in der Werbung) zu einer "reisenden Form" avancierten, oder auch die marokkanische Casablanca-Gruppe und ihre Auseinandersetzung mit dem Bauhaus. Wie die Autorin dabei ein "komplexes Verständnis kultureller Differenz" ermöglicht und gleichzeitig an einer "gegenseitigen Durchdringung" auch mit französischer und anderer westlicher Kunst festhält, ohne die Gewalt des Kolonialismus zu relativieren, findet Geimer fachlich exzellent. Lediglich in den Bezugnahmen zu vorangehender Forschung hätte er sich noch etwas mehr Klarheit gewünscht.
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