Joanna Bator

Die Flucht der Bärin

Roman
Cover: Die Flucht der Bärin
Suhrkamp Verlag, Berlin 2026
ISBN 9783518432853
Gebunden, 317 Seiten, 26,00 EUR

Klappentext

In einem letzten Versuch, ihre erkaltende Liebe zu retten, fliegt ein Paar nach Kreta. Als sie anderntags in der Morgensonne erwacht, ist er bereits schwimmen gegangen. Als sie ihn gegen Mittag anruft, klingelt sein Handy in der Ferienunterkunft. Und als sie am Strand steht, weiß sie sofort: Hier ist er nicht. Aus Stunden des Suchens werden Tage, Wochen, Monate - nichts in diesen Geschichten ist, was es ist. Ob etwa die todkranke Frau, der im Wald immer wieder zwei geisterhafte Kinder begegnen, noch in der Realität oder schon in einer Zwischenwelt lebt, bleibt in der Schwebe. Und das seit Jahrzehnten leerstehende Hotel Sudeten, in dem eine seltsame Gesellschaft haust - ist es ein Nachtasyl oder vielleicht doch eine psychiatrische Klinik?

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.05.2026

Joana Bators neue Erzählungen können quasi alles, vermittelt Rezensentin Marta Kijowska. Wo thematisch zunächst alltägliche Sorgen und Ängste dominieren, geht es schnell auch gesellschaftskritisch zu, dunkle Stimmungen und Räume werden um Humorvolles ergänzt, und Reales verbindet sich mit "Magisch-Märchenhaft-Horrorartigem", fasst Kijowska zusammen: Es geht etwa um eine Frau, die durch die Begegnung mit einem entlaufenen Bären vom Selbstmord abgehalten wird, um die Mutter eines behinderten Sohnes, die sich in die Illusion des Reich- und Erfolgreichseins flüchtet, um eine lustige Schildkröte, und prominent auch um die Etage eines alten Hotels in Walbrzych, in der mehrere am Leben zerbrochene Figuren aufeinandertreffen. Dabei bleibt es der Leserschaft überlassen, ob man die lose zusammenhängenden Texte als Geschichten oder Roman begreifen will, erklärt die Kritikerin. In der Kombination mit Bators bestechendem literarischen Können, ihrer Vermischung von "Empathie mit Ironie, Melancholie mit Humor" und ihrer Einbeziehung eigener Erfahrungen ergibt sich für Kijowska ein meisterlicher Band, noch dazu glänzend übersetzt von Lisa Palmes.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 07.03.2026

Rezensent Paul Jandl ist begeistert von Joanna Bators neuem Erzählungsband, in dem sich die polnische Schriftstellerin einmal mehr als "Meisterin des literarischen Origami" zeigt, die es wie keine Zweite versteht, die Traumata der schlesischen Heimat in abgründige Texte zu verwandeln. In der Titelgeschichte etwa möchte sich eine Schriftstellerin das Leben nehmen, am Fluss steht ihr dann ein ausgebrochener Bär gegenüber, dessen Fell wiederum eine Rolle in einer anderen Geschichte spielen wird, so Jandl. Generell tauchen die Figuren wie durch Labyrinthgänge in anderen Erzählungen wieder auf, schildert er, was dem Band das Gefühl eines Romanes verleiht, ohne die Eigenständigkeit der kafkaesk wirkenden Texte einzubüßen, beispielsweise will ein Vater einen Weihnachtskarpfen kaufen und ist fünf Jahre weg. Traumata zu Flucht, Vertreibung und Krieg spielen ebenso eine Rolle wie gespenstische Erscheinungen, die Vergangenheit ist in den "Phantasmagorien der Ausweglosigkeit" stets präsent, erzählt der überzeugte Kritiker. Ihn fasziniert abschließend, wie viele verschiedene Muster und Abzweigungen Bator einwebt und wie viel sie damit auch über (die Unmöglichkeit von) Vergangenheitsbewältigung erzählt.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 23.02.2026

Rezensent Jörg Plath nennt den Band mit Erzählungen der polnischen Autorin Joanna Bator einen Strudel. Mehr als in einem Reigen sind die Geschichten hier miteinander verbunden und gehen ineinander über. Personen (Frauen vor allem), Orte, Zeiten der 16 eher kurzen, melancholischen Texte greifen auf unheimliche, fantastische Weise ineinander, erklärt er. Für Plath eine Aufforderung zu detektivischer Lektüre, bei der es unter anderem um die Spiegelung verlorener Liebe im anderen gehen könnte. Die Übersetzung von Lisa Palmes gefällt Plath gut, weil sie die Wärme und auch die Komik des Originals transportiert. Für Plath auch ein feministischer Text, der mit überraschenden Beziehungen und Verbindungen aufwartet.

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