Nord Sentinelle
Erzählungen vom Einheimischen und vom Reisenden

Secession Verlag, Zürich 2025
ISBN
9783966391177
Gebunden, 180 Seiten, 25,00
EUR
Klappentext
Aus dem Französischen von Christian Ruzicska. Der junge Alexandre Romani ersticht im Hafen einer korsischen Küstenstadt inmitten einer bunten Menge feierlustiger Touristen Alban Genevey, einen Pariser Studenten, den er von Kindesbeinen an kennt, da seine Eltern auf der Insel ein Haus am Meer besitzen. Der Erzähler, aufgrund einer tragischen Liaison mit dem Täter verwandt, blickt von der Mordnacht zurück auf die Lebenswege der Protagonisten und zeichnet das Porträt einer Gesellschaft nach, in der Massentourismus und Geistlosigkeit ungute Voraussetzungen für ein gelingendes Leben sind.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.03.2025
Philosophie und Sinnlichkeit - dies sind die zwei Pole zwischen denen Jérôme Ferrari sein literarisches Werk anordnet, stellt Rezensent Niklas Bender fest. Nach seinem letzten, eher der philosophischen Reflexion zugeneigten Roman widmet er sich in "Nord Sentinelle" nun ganz der Sinnlichkeit, und das mit einer "Lust am Spott", die überrascht und unterhält, so Bender. Dieser Spott richtet sich gegen beide Seiten eines Produktionsverhältnisses, lesen wir: die "arrogant-debilen" Konsumenten auf der einen, sowie die skrupellosen Produzenten des Konsumguts "Korsika" auf der anderen Seite. Und er geht aus von einem Erzähler, der beide Seiten kennt, und dessen Perspektive ergänzt wird durch die einer zweiten Erzählerin, die sich ebenfalls keinem Lager zuordnen lässt. So simpel, wie der durchaus witzig ausgestaltete Gegensatz also zunächst erscheinen mag, ist er doch nicht, erklärt Bender. Ferraris Figuren sind komplexe Charaktere! Und wenn einer von ihnen einen anderen mit einer 30cm-Klinge ersticht, dann geschieht dies nicht aus bloßem, blödem Zorn, sondern es zeigt sich in diesem Akt eine Melancholie, ja fast schon eine Tragik, die den "philosophischen Kontrapunkt" der Erzählung bildet, und mit der sich der Rezensent durchaus, fast schon, identifizieren kann.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 24.02.2025
Jerome Ferraris namenloser Ich-Erzähler ist Philosoph, so wie er selbst, und lebt auf Korsika, einer Insel, die zunehmend vom Massentourismus überrannt wird, führt Rezensentin Sigrid Brinkmann in die Handlung des Romans ein, den sie ausführlich bespricht. Dieser Erzähler ist von den Folgen des Massentourismus auf der Insel zutiefst abgestoßen, erklärt Brinkmann die Prämisse der Geschichte, Touristen sind ihm ein Graus. Die Handlung dreht sich um eine Messerattacke, die der Einheimische Alexandre Romani auf den "Festlandfranzosen" Alban nach einem Streit in Romanis Restaurant verübt. Vor Brinkmann entfaltet sich in der Folge ein Panorama der vielen unterschiedlichen Menschen, die vom Massentourismus beeinflusst und verändert werden. Aber wie der spöttische Ich-Erzähler die Fremden auf der Insel verabscheut, so geht er auch mit den Einheimischen hart ins Gericht, erklärt die Kritikerin. So geht dem Messerangriff eine die Insel prägende "Geschichte der männlichen Gewalt" voraus, die Jerôme Ferrari schonungslos seziert. Seinem Erzähler darf man übrigens trotzdem nicht trauen, verrät die Kritikerin, das merkt man aber erst nach einer Weile. Ferrari schreibt das Buch als Tragikomödie, angereichert mit geradezu grotesken humoristischen Szenen, erfahren wir, dabei lässt er aber weder Ironie noch philosophische Überlegungen vermissen, jubelt Brinkmann, die dieses "vielschichtige Tableau" nachdrücklich empfiehlt.