Er ist ein fremder Gast unter Palmen, am Meer, in einer Stadt, in der immer die Sonne scheint, und das ist sein Unglück. Jan Wilm ist ein perspektivloser Philologe, der aus dem deutschen Wissenschaftsbetrieb ausgeschieden ist und - um die Arbeitslosigkeit hinauszuzögern - ein fremdfinanziertes Forschungsjahr in Los Angeles verbringt. Der Gegenstand seiner Untersuchung ist - ausgerechnet in Kalifornien - Schnee. Wilm soll durch die Jahreszeiten hinweg den Nachlass des verschollenen Schnee-Fotografen Gabriel Gordon Blackshaw (1898-1950) sichten. Doch wie ein Buch über Schnee schreiben an einem Ort, an dem es nie schneit? Wie eine verlorene Frau vergessen, die einen an die Heimat bindet, weil man sie noch lieben muss und nicht vergessen möchte?
Rezensent Burkhard Müller zeigt viel Durchhaltevermögen, wenn er Jan Wilms Roman über einen glücklosen Geisteswissenschaftler auf Forschungsreise in Los Angeles Seite für Seite folgt. Wie der Autor die Dauermisere seines Antihelden minutiös ausbreitet, sein Scheitern als Wissenschaftler und als Mensch auf 500 Seiten beschreibt, das hat laut Rezensent etwas Kokettes. Dem ausdauernden Leser verspricht Müller eine Art Manifest des Unglücks als psychische Disposition (keine Depression, so Müller), das zwischen allerhand treffenden Wendungen sogar Kitsch verträgt. Das kann man originell finden oder nicht, meint Müller.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.08.2019
Kai Sina kann nur warnen vor dem Roman von Jan Wilm, derart finster geht es darin zu, derart hemmungslos wirft der Autor, laut Sina einigermaßen identisch mit dem auf Forschungsreise in Los Angels weilenden Erzähler, Literatur und Philologie in eins und fabuliert eingedunkelt über das Problem des Schnees, der Sprache, über die Liebe und das Unsagbare. Wenn er dabei auch noch von Barthes bis Vonnegut zitiert, zeigt sich Sina fast überfordert. Doch in seiner konsequenten Negativität hat das Buch für ihn auch etwas Fesselndes.
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