Klappentext

Vergleicht man die Jahre 1989 und 1990, zeigt sich, dass sie in der kollektiven Erinnerung höchst unterschiedlich präsent sind. Die Meisten können sich das Jahr 1989 rasch ins Gedächtnis rufen. Auch mit dem Abstand von knapp dreißig Jahren fällt es leicht, die Abfolge der Ereignisse dieses Herbstes zu erzählen - alles verdichtete sich hier auf wenige, hochdramatische Wochen. 1990 dagegen wirkt in der Erinnerung wie ein blinder Fleck. Das Gedächtnis, von den sich überschlagenden Ereignissen ebenso gefordert wie von unerfüllten Wünschen und nicht eingestandenen Kränkungen fasst ein solches Jahr nur schwer.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 02.12.2019

Steffen Siegel trifft auf vergessene Bürgerrechtlerinnen und Autoren wie Ingrid Köppe und Martin Gross in der von Jan Wenzel herausgegebenen Bild-Text-Collage zum Wendejahr 1990. Viel Zeit soll der Leser mitbringen, rät Siegel, der in dem Band mehr sieht als eine Chronik. Paradox und doch passend wie nie erscheint ihm die Erfahrung der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen beim Lesen und Anschauen der Interviews, Tagebucheinträge, Miniaturen, Fotos von Christian Borchert, Gerhard Gäbler, Ute Mahler u.a. Das erinnert Siegel strukturell an Kempowskis Echolot und bietet ihm tiefe Einblicke in eine andere Zeit.