Der Theatermacher George Tabori (geb. 1914) gibt in seinen Stücken `Vorstellungen` vom Holocaust - im doppelten Wortsinn. Kein anderer Dramatiker hat das Gedächtnis an die Vernichtung der europäischen Juden im Nationalsozialismus so zum Mittelpunkt seiner Arbeit gemacht. Sein bedeutender Beitrag zum Theater der Gegenwart ist untrennbar an sein Lebensthema geknüpft, mit dem er sich über Jahrzehnte auseinandergesetzt hat: die Versinnlichung und Vergegenwärtigung des Holocaust im Theaterstück und auf der Bühne. Wie können dramatische Strukturen aussehen, die den Genozid und seine Folgen thematisieren? Tabori schrieb keine Geschichtsdramen, sondern Erinnerungs-Spiele - persönlich beglaubigte wie ästhetisch überzeugende Antworten auf das lange Zeit dominante Postulat, eine Fiktionalisierung des Schrecklichen versündige sich an den Opfern. Jan Strümpel analysiert die wichtigsten Theaterstücke von George Tabori vor dem Hintergrund der »Holocaust-Dramatik« in Deutschland und der Debatten über (vermeintliche) Gestaltungstabus und Kunst `nach Auschwitz`.
Die Debatte um das Wie und Warum des Erinnerungsgeschäftes wogt hin und her und hoch und runter, und in diesem Zusammenhang findet Rezensentin Sabine Leucht die Beschäftigung mit dem Erinnerungsdekonstrukteur Tabori besonders wichtig, dessen Arbeit auf dem Theater Jan Strümpel nun eine Dissertation gewidmet hat. Wie alle Dissertationen komme sie etwas pedantisch daher, meint Leucht. Der Autor rücke Tabori in inhaltliche Nähe zum israelischen Akko-Theater, auch wenn mehr als eine Generation zwischen den Theatermachern liegt. Auch Tabori gehe es darum, "Gewissheiten zu erschüttern", das heißt nicht etwa Geschehenes oder Vergangenheit zu dokumentieren, sondern die Erinnerung daran immer wieder neu zu beleben und damit auch in Frage zu stellen, resümiert die Rezensentin und wünscht sich viele Schüler der Taborischen "Imiginationsschule".
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