Wildnis - für die einen hoffnungslos romantische Projektion auf die zum Erholungsgebiet, Baugrund, Rohstofflieferanten degradierte Natur; für die anderen letzte Hoffnung, daß ein entwildertes Europa sich in einem Akt totalen rewildings seelisch-moralisch regeneriere. Träumern und Verächtern entgeht gleichermaßen, daß Wildnis ein Arbeitsbegriff ist, der weniger einem Zustand als vielmehr Prozessen gilt, einem vitalen Ermöglichungsraum des weder Plan- noch Vorhersehbaren. Hier berührt sich das Nature Writing mit handfestem Tun von ökologischen Protestformen bis zur intensiv extensiven Landschaftspflege. Wildnisarbeit wurde nie vom Schreibtisch aus betrieben; deshalb begeben sich die drei Teile des Essays in die letzten Leipziger Brachen, in die wendländische Elbtalaue und auf den Ostthüringer Streuobsthang über dem verwilderten Sandsteinbruch des Autors. Bei seiner Wildnisarbeit begegnet Jan Röhnert Menschen und Werken, in denen das Tun Hand in Hand geht mit dem Schreiben von dem, was sich nur im Offenen ereignet. Röhnert kultiviert seine Orte wie er in der Landschaft Spuren liest und Sporen legt - eine Landschaft, die sich erst offenbart, wenn das Wilde in ihr zugelassen ist. "Wildnisarbeit" ist ein poetischer Essay, der das zum modischen Anhängsel gewordene Nature Writing auf seine Grundvoraussetzung zurückführt: die Einheit von Ort, Schreiben, Tun. Ein ergänzender Traktat verankert schließlich das Nature Writing dort, wo es herkommt: bei der Natur und ihren Elementen - die es wie Wasser Steine Bäume wirklich gibt! Das so flüchtig wie genau Wahrgenommene wird Schrift, die Schrift wieder zum Tun, weil die Freude irdischer Resonanz zugleich ethischer Impuls des Bewahrens ist.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 10.11.2025
Rezensentin Sylvia Staude lässt sich vom Lyriker Jan Röhnert mitnehmen in die Natur. Unser problematisches Verhältnis zu ihr kann der Leser des Bandes hinterfragen und Röhnerts mäandernde Gänge in die renaturierte Wildnis Leipziger Brachen nachvollziehen, meint sie. Wandernd und nachdenkend durchstreift der Autor laut Staude Steinbruch- und Streuobstwiesen, beobachtet Falken und den Wildwuchs von Eichen und Ulmen. Gedanklich gelangt er dabei vom Boom der Outdoor-Hochglanzmagazine und der Idealisierung des Naturbegriffs bis zum Thema Artenschwund, erklärt die Rezensentin. Die Benennung des Themas durch Sprache steht dabei zunächst im Vordergrund, erkennt Staude und sieht darin den Verdienst des Nature Writing auf dem Weg zu einem besseren Umweltverständnis.
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