Klappentext
Ostmitteleuropäer sind im Vergleich zu Westeuropäern politisch unterentwickelt? Autoritätshörig? Diktaturaffin? Die lange Zeit unter sowjetischer Herrschaft hat sie entmündigt? Keineswegs. In den vier zentraleuropäischen Ländern Polen, Tschechien, der Slowakei und Ungarn herrscht vielmehr Enttäuschung darüber, dass sie von den Westeuropäern als Länder zweiter Klasse behandelt werden. Dass ihre Wirtschaft nur als verlängerte Werkbank genutzt wird, dass größere westliche Investitionen ausbleiben und dass mitteleuropäische Politik als notorisch rückständig gilt. Ivan Kalmar sieht den Illiberalismus in diesen Ländern als fehlgeleitete Reaktion auf die verheerenden Auswirkungen des globalen Neoliberalismus. Denn nach der "Wende" 1989 wurden sie nicht wirklich in den westlichen Club aufgenommen. Es war weniger ihre eigene Unfähigkeit als die westeuropäische Herablassung, die die illiberale Revolution in den ostmitteleuropäischen Staaten verursachte. Selbst die rechtsextremen Vorbilder wurden aus dem Westen importiert: Als Reaktion auf den unterschwelligen Rassismus des Westens gegen den "Osten". Die Ostmitteleuropäer sind weiß, aber eben nicht ganz.
Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 14.03.2026
Rezensent Bert Rebhandl findet in Ivan Kalmars Buch interessante Ansätze und eine überwiegend differenzierte Darstellung: Der kanadische Anthropologe fragt darin, woher der Illiberalismus in den osteuropäischen Staaten herrühre, und splittet dieses "Woher" auf beeindruckend nuancierte Weise in historische, systemische und geografische Aspekte auf, lobt Rebhandl. Dabei trete vor allem hervor, dass die Integration der für Kalmar eigentlich mitteleuropäischen Staaten (Polen, Slowakei, Tschechien, Ungarn) in den liberalen Westen auch starke "Gegenreaktionen" hervorrief; unter anderem mache Kalmar hier als Ursache einen "Osteuropäismus" (= Rassismus gegen Osteuropäer als Nicht-ganz-Weiße) aus. Dass der Autor überhaupt sein Thema aus einer rassismustheoretischen Perspektive angeht, ist für Rebhandl ein "eigenwilliger" Ansatz, und so ganz wird für ihn Kalmars Analyse dann doch nicht den Komplexitäten gerecht, die sich im Gegeneinander verschiedener "Elitenprojekte" (der liberale Westen genauso eines wie der Illiberamismus) auftun. Überzeugend bleiben für ihn trotzdem Kalmars Quellenarbeit und seine Aufforderung an Westeuropa, sich selbst viel stärker zu hinterfragen.
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