Irene Albers

Der diskrete Charme der Anthropologie

Michel Leiris' ethnologische Poetik
Cover: Der diskrete Charme der Anthropologie
Konstanz University Press, Paderborn 2018
ISBN 9783835390973
Kartoniert, 904 Seiten, 49,90 EUR

Klappentext

Michel Leiris wird hier als diskrete Schlüsselfigur einer anderen literarischen Moderne neu lesbar gemacht. Sie wendet sich der Ethnologie zu, um ihre Schreib- und Lebensspiele im Lichte fremdkultureller Praktiken zu reflektieren. Michel Leiris (1901-1990) war beides, Surrealist und Ethnologe. Als Grenzgänger und Dissident in zwei Welten, der literarischen und der wissenschaftlichen, wurde er zu einem frühen Kritiker des Kolonialismus und des europäischen Literaturverständnisses, das er durch Sprachexperimente und radikale Selbstanalysen außer Kraft setzen wollte. Das Buch präsentiert Leiris im künstlerischen und intellektuellen Kräftefeld des Surrealismus, der Vorlesungen von Marcel Mauss, des Musée d`ethnographie du Trocadéro, der Zeitschrift Documents und des Collège de Sociologie (1937-1939). Als er während der Mission Dakar-Djibouti (1931-1933) erlebt, wie Andere sich entgrenzen, stellt Leiris eine Reversibilität zwischen eigenen und fremden Fremderfahrungen her: Seine Auffassung von "Poesie" und "Autobiographie" entfaltet er fortan in einem Dialog mit der Geheimsprache der Dogon und dem äthiopischen zar-Kult. Irene Albers verfolgt diese ethnologische Poetik, die bis in die Weltliteraturprojekte der Nachkriegszeit sowie die bis heute weiterwirkenden Karibik-Diskurse reicht, an denen Leiris sich früh beteiligte. Ihre Studie ist ein Beitrag zu aktuellen Diskussionen über literarischen Primitivismus, Weltliteratur, Heteronomieästhetik und symmetrisierende Revisionen der Moderne.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.09.2018

Anregend findet Karl-Heinz Kohl Irene Albers' Gang durch das Werk des Ethnologen Michel Leiris. Umfang und Gewicht des Inhalts halten sich laut Kohl die Waage. Die umfangreichen Anmerkungen und der kontextualisierende Ansatz sorgen laut Rezensent dafür, dass die Autorin dem Werk jede Menge neue Aspekte abgewinnt. Ob bei der Rezeption oder beim Lebensweg und beim Lebensstil - Albers' anschaulicher Ethnologinnen-Blick eröffnet Kohl überraschende Perspektiven auf Michel Leiris und zeigt ihm, wie viel in ihm schon vorweggenommen ist: radikale Kolonialismuskritik, die Entdeckung der "inversen Ethnografie" oder der "linguistic turn".

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