Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 19.09.2003
Rezensent Martin Zähringer zeigt sich erfreut von Hilmi Abbas' Versuch, das hochkulturelle Erbe der Kurden zu bewahren und mündlich überlieferte Texte schriftlich festzuhalten. Dass die kurdischen Mythen und Legenden, die sich heute auch in den modernen Medien, in Buch und Film finden, bisher nur durch mündliche Überlieferung am Leben hielten, hat laut Zähringer seinen Grund nicht zuletzt im Verbot des Kurdischen. Abbas habe die nun vorliegenden Erzählungen in seiner Kindheit am Van-See auswendig gelernt, einer Region, in der auch heute noch weitgehend ungebrochen übermittelte Mythen, Legenden und Märchen aus vorislamischer Zeit kursieren, berichtet Zähringer. Die Gesänge, Berichte und Erzählungen handelten unter anderem von einem "uralten heiligen Vater" und seinen dualistisch geprägten Schöpfungen des Lichts und der Finsternis, aus denen sich eine zusehends weltlich und körperlich werdende Kosmologie entwickelt, von einer mythischen Stammeswanderung ins heutige Kurdistan und von religiös-weltanschaulichen Konflikten zwischen Geist und Materie. Zum Bedauern des Rezensenten erfährt man über die geschichtlichen Hintergründe der Überlieferung und die konkreten Quellen des Autors "zu wenig". Die Quellenlage sei "dürftig", hält Zähringer fest, weshalb Vorsicht angebracht sei, wo es um Inhalte und ihre Echtheit gehe. Dass immer noch unbekanntes Terrain in diesem lebhaften Netzwerk mündlicher Diskurse gibt, liegt für ihn aber auf der Hand.
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