Hilary Mantel

Falken

Roman
Cover: Falken
DuMont Verlag, Köln 2013
ISBN 9783832196981
Gebunden, 480 Seiten, 22,99 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence. "Sieh meinen Sohn Thomas böse an, und er sticht dir ein Auge aus. Stell ihm ein Bein, und er schneidet es dir ab", sagt sein Vater über den jungen Cromwell. 35 Jahre später hat Thomas Cromwell die bescheidenen Verhältnisse des Elternhauses hinter sich gelassen. Sein Aufstieg am Hofe von Henry VIII verläuft parallel mit dem von Anne Boleyn, Henrys zweiter Frau, deretwegen dieser mit Rom gebrochen und eine eigene Kirche gegründet hat. Doch Henrys Verhalten hat England ins Abseits manövriert, und Anne konnte ihm keinen Thronfolger gebären. In Wolf Hall verliebt sich der König in die stille Jane Seymour. Cromwell begreift, was auf dem Spiel steht: das Wohl der gesamten Nation. Im Versuch, die erotischen Fallstricke und das Gespinst der Intrigen zu entwirren, muss er eine "Wahrheit" ans Licht bringen, die Henry befriedigen und seine eigene Karriere sichern wird. Doch weder Minister noch König gehen unbeschadet aus dem blutigen Drama um Annes letzte Tage hervor.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 12.04.2013

Kirsten Voigt will nicht recht in den Kopf, wie es Hilary Mantel mit ihrer Cromwell-Trilogie gelingt, sich einerseits hart an die historischen Fakten zu halten, andererseits aber als kühne und phantasiebegabte Erzählerin zu brillieren. "Falken" ist der zweite Band der Reihe und steht seinem Vorgänger "Wölfe" in Sachen Spannung in nichts nach, verspricht die Rezensentin. Cromwell intrigiert und manipuliert sich immer näher an Heinreich VIII. heran, bis der König von England schließlich der einzige Freund ist, der ihm am Hof bleibt. Im Original heißt das Buch "Bring Up the Bodies", bringt die Leichen rauf, erklärt Voigt. Die (noch) lebenden Leichen, das sind Anne Boleyn mitsamt ihrem Clan, verrät die Rezensentin, ein Zwischenfall bei einem Turnier hat dem König klar gemacht, dass er dringend einen Erben braucht, und er hat die Hoffnung aufgegeben, von Anne einen Sohn zu bekommen. Auch einen kleinen Ausblick auf den dritten Band hat die Rezensentin am Ende gefunden: Cromwell erfährt von Heinrichs Verstrickung in den Tod seines Ziehvaters, des Kardinals Thomas Wolsey. Voigt harrt gespannt aus.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 04.04.2013

Rezensent Andreas Isenschmid ist einfach hingerissen von den ersten beiden Romanen der Romantrilogie um Thomas Cromwell, den englischen Lordkanzler, der zehn Jahre lang, von 1530 bis zu seiner Hinrichtung 1540, die Geschicke Englands bestimmte und noch weit über seine Lebenszeit hinaus mitprägte. Isenschmid schlüpft beim Lesen gewissermaßen in die Haut dieses "so abgründig bösen, so anziehend klugen" Mannes, berechnet mit ihm, intrigiert und tranchiert mit ihm. Und sieht, riecht und schmeckt das London jener Jahre mit ihm, so der begeisterte Rezensent. Mantel verzichtet auf einen interpretierenden, die Ereignisse voraussehenden Erzähler, erzählt Isenschmid weiter, und orientiert sich damit eher an der Kunst Holbeins als an der Thomas Manns. Gelegentlich verirrt man sich dadurch als Leser im Dickicht der Ereignisse, bekennt der Rezensent, aber die Schlussszenen - in "Wölfe" die Hinrichtung Thomas Morus', in "Falken" die Hinrichtung Anna Boleyns - machen das für ihn wieder mehr als wett. Ganz große Kunst, die der Holbeins in nichts nachsteht, resümiert Isenschmid.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 25.02.2013

Den dritten Band von Hilary Mantels Cromwell-Saga kann Joachim Käppner kaum erwarten. Möglich, denkt er wohl, dass die Autorin dann das dritte Mal den Booker-Preis einheimst. Den jetzt vorliegenden zweiten Band liest Käppner in der "kongenialen" Übersetzung von Werner Löcher-Lawrence jedenfalls als raffinierte Transzendierung des historischen Romans. Kein Geschwätz, kein Vergangenheitskarneval, sondern große Literatur, versichert der Rezensent. Für Käppner heißt das die genaue moralische Untersuchung der menschlichen Verhältnisse. Dass Mantel auf Schlachtenlärm verzichten kann, den Leser stattdessen in die Zeit Cromwells versetzt, in das Denken und Fühlen anno 1536, so dass wir erkennen, wie anders es damals zuging, fesselt den Rezensenten an dieses Buch und an Cromwells Intrigen.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.02.2013

Voll des Lobes bespricht Rezensent Andreas Kilb den nun unter dem Titel "Falken" auch auf Deutsch erschienenen zweiten Teil von Hilary Mantels Trilogie um den englischen Lordsiegelbewahrer Thomas Cromwell. Mantel gilt dem Kritiker gar als "Großmeisterin des historischen Romans", mit der die Gattung ihren dritten geschichtlichen Höhepunkt erreiche: Ihr gelinge es, die Kunst der "romantischen Phantasie und der philologischen Recherche" eines Walter Scott oder Victor Hugo mit der "Menschlichkeit und Kunstfreiheit" der historischen Figuren von Heinrich Mann oder Lion Feuchtwanger zu verbinden, lobt der Rezensent. Und so liest er gebannt die meisterhaft präzise und sprachlich herausragend erzählte Geschichte um den undurchschaubaren und getriebenen Thomas Cromwell, der als Sekretär Heinrichs VIII. einer der mächtigsten Männer im England des sechzehnten Jahrhunderts war und nicht nur verantwortlich für die Scheidung des Königs von seiner ersten Ehefrau Katharina von Aragon war, sondern auch für die Eheschließung mit Anne Boleyn, die nach einem spektakulären Prozess schließlich hingerichtet wurde. Nicht zuletzt ist Kilb ganz angetan von dem Vermögen der Autorin, die "historische Wahrheit, den subjektiven Blick" und ein außerordentliches Gespür für Empfindungen und Wahrnehmungen miteinander zu verbinden.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 19.02.2013

Nicht nur die Erkundung einer fernen Welt im Umbruch, sondern eine gelungene Darstellung über Politik und Macht liest Michael Schmitt in Hilary Mantels Roman, den er einen Gegenentwurf zum gängigen historischen Roman nennt, da das Buch eher szenisch vorgeht, kleine intime Gesten erfasst, nicht so sehr die große epische Linie. Die Geschichte um das Intrigieren Thomas Cromwells am Hof Heinrich VIII. (diesmal gegen Heinrichs Ehe mit Anne Boleyn), die die Autorin mit diesem Buch fortschreibt, gefällt Schmitt vor allem durch die Wahl der Perspektive und des Tempus. In der dritten Person und im Präsens erzählt Mantel und bietet dem Rezensenten so eine ungewöhnliche Halbdistanz zum Geschehen und zum Taktieren der Figur, ein faszinierendes "Dunkel des gelebten Augenblicks", das Alternativen offen lässt, begeistert sich Schmitt.