Wenn ein Marienlied im 17. oder frühen 18. Jahrhundert als Wallfahrtslied entsteht, auf Liedflugblättern durch die Lande getragen wird, in Gesangbücher gerät, unter dem normativen Druck der Aufklärung aus ihnen wieder entfernt wird, untergeht, im 19. Jahrhundert unter dem Einfluss der Romantik aufersteht, in Volksliedanthologien weiterlebt, von Liederbüchern der Jugendbewegung für besinnliche Stunden vorgesehen wird, im 20. Jahrhundert dann ein zweites Mal in den Kirchengesang eingespeist wird, das alles unter stetem Fassungswandel, wenn dann Bischofskonferenzen 1916, 1947, 1975 und 2013 jeweils andere Fassungen zu "Einheitsliedern" erklären - dann sieht man, was "Tradition" wirklich bedeutet. Es wird nicht ein Glaube von Generation zu Generation weitergegeben, sondern da ist ein Wandel. Diesen Wandel beschreibt das Buch an vielen Beispielen als "Arbeit am Mythos".
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.01.2015
Mehr Ernsthaftigkeit hätte sich Anja-Rosa Thöming von Hermann Kurzke und Christiane Schäfer gewünscht, wenn es um die Glaubensaussagen in den von den Herausgebern analysierten Marienliedern geht. Spott und Polemik angesichts der zu Kitsch neigenden Marienverehrung vertragen sich nicht mit einer seriösen Auseinandersetzung mit christlicher Kultur und Mythen, wie Thöming feststellt. Der entstehungs- und rezeptionsgeschichtlichen Untersuchung der zwölf ausgewählten deutschsprachigen Marienlieder mangelt es laut Rezensentin zudem mitunter an Genauigkeit und Verlässlichkeit. So vermisst Thöming etwa weiterreichende Gedanken über die Aussagekraft von Ton- und Taktarten und inhaltliche Topoi.
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