Herman Melville

Moby Dick oder Der Wal

Roman
Cover: Moby Dick oder Der Wal
Carl Hanser Verlag, München 2001
ISBN 9783446200791
Gebunden, 1048 Seiten, 34,77 EUR

Klappentext

Aus dem Amerikanischen von Matthias Jendis. Herausgegeben von Daniel Göske. Moby-Dick, einer der größten Romane der Weltliteratur, in einer Neuübersetzung: Die Geschichte des weißen Wals und seines von Hass getriebenen Jägers Kapitän Ahab wird in ihrer unendlichen Vielstimmigkeit, in ihrem Pathos und ihrer Präzision erzählt. Mit einem Anhang, der zu immer neuen Entdeckungen in diesem aus den tiefsten Quellen von Mythos und Philosophie schöpfenden Meisterwerk einlädt.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 04.01.2005

Erfreut zeigt sich Thomas Stölzel über das Erscheinen von Friedhelm Rathjens Neuübersetzung von "Moby Dick", Herman Melvilles "enorm anspielungsträchtigen, sprachwuchtigen und sprachmächtigen" Roman über die berühmte wahngesteuerte Waljagd. Stölzel erinnert an den im Jahr 2001 öffentlich geführten Streit über die Frage, wie man dem Original wohl am adäquatesten gerecht werde. Rathjens Übersetzung sollte ursprünglich beim Hanser Verlag erscheinen. Herausgeber und Verlag lehnten seine Fassung allerdings ab, weil sie den sprachlichen Manieriertheiten des Originals zu sehr Rechnung trage, und engagierten mit Matthias Jendis einen neuen Übersetzer, der eine eher glatte Übertragung vorlegte. Während 2001 im Schreibheft Nr. 57 nur Auszüge der Übersetzung von Rathjen erschienen, so liegt nun der gesamte Rathjen vor. Stölzel lobt diese Ausgabe als schön gestaltetes "beinahe bibliophiles Buch im geprägten Schuber". Der Band biete einen umfangreichen und instruktiven Anhang des Herausgebers Norbert Wehr, in dem wichtige Texte von und über Herman Melville versammelt sind. Ansprechend findet Stölzel zudem die fast dreihundert Federzeichnungen von Rockwell Kent aus dem Jahr 1930. Nach Ansicht Stölzels spricht es für das Original, "dass zwei ausgewiesene Übersetzer zwei erkennbar unterschiedliche Neufassungen erstellt haben". Da er sich nicht entscheiden mag, welche der beiden besser ist, empfiehlt er dem geneigten Leser einfach die Anschaffung beider Übersetzungen.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 09.12.2004

Ulrich Greiner widmet sich in seiner Kritik gleich vier Büchern von und über Herman Melville. Er begrüßt es, dass nun "endlich", nach einem "langjährigen Streit" auch die bereits viel diskutierte Neuübersetzung des Romans "Moby-Dick" durch Friedhelm Rathjen vorliegt. Zunächst betont der Rezensent, dass es sich um eine überaus "prachtvolle Ausgabe" handelt und er freut sich auch über die "wunderbaren, dramatischen" Illustrationen von Rockwell Kent von 1930, die dieser Übersetzung beigegeben worden sind. Der Rezensent gibt unumwunden zu, dass sich die 2001 erschienene Übersetzung von Matthias Jendis insgesamt "angenehmer" liest und man hier im Gegensatz zur Fassung Rathjens nicht spürt, dass man eine Übersetzung vor sich hat. Dennoch habe die Übertragung von Rathjen ihre Berechtigung, weil es dem Übersetzer darum zu tun sei, die "Fremdheit" des Textes, die die "zeitgenössischen Leser" empfunden haben müssen, auch heutigen Lesern vor Augen zu führen, verteidigt ihn Greiner. Letztlich muss jeder selbst entscheiden, welcher Übersetzung er den Vorzug gibt, so der Rezensent diplomatisch.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 27.11.2001

Bruno Preisendörfer hat die Gelegenheit, zwei Übersetzungen von Moby-Dick zu vergleichen, wenn die eine auch nur ausgewählte Kapitel bietet, und wird dabei Zeuge "übersetzerischer Differenzen".
1. Herman Melville: Moby-Dick oder Der Wal.
Diese Neuübersetzung wird vom Rezensenten ausgiebig bejubelt, weil sie endlich wieder den "zum Jugendbuch verstümmelten Klassiker" in seiner ganzen Wucht zugänglich macht. Der Übersetzer Matthias Jendis, der ursprünglich lediglich die Fassung von Friedhelm Rathjen redigieren sollte, hat dabei den Weg einer "lesbareren" Version eingeschlagen, der beim Rezensenten durchaus Zustimmung erhält. Das einzige, was er Jendis mitunter vorhält, ist eine gewisse oberlehrerhafte Art, mit der dieser Melville "verbessert", indem er zum Beispiel Wortwiederholungen weglässt. Positives Echo bei Preisendörfer finden auch das Nachwort und die Kommentare zum Text.
2. Schreibheft. Zeitschrift für Literatur. Nr. 27, Die Weiße des Wals.
Diese Textfassung, die die Übersetzung der Kapitel 24 bis 52 enthält, lobt der Rezensent als die "originellere", wenn auch schwieriger zu lesende. Allerdings findet Preisendörfer, dass es Rathjen manchmal ein bisschen übertreibt mit der getreuen Nachempfindung der Satzungetüme von Melville. Dann bekomme die Übersetzung mitunter etwas gar zu "Artifizielles, fast Affektiertes", moniert der Rezensent, der die Fassung ansonsten als "große Leistung" preist. Den Kommentar von Rathjen zu seiner Übersetzung allerdings lobt er ganz ohne Einschränkungen als "hinreißend unnachgiebig".

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 15.11.2001

Moby-Dick, längst ein Klassiker der amerikanischen Literatur, ist ein monströses Buch, wie es keines zuvor und nach seinem Erscheinen im Jahr 1851 gegeben hat, meint Dieter E. Zimmer. Pünktlich zum 150-jährigen Veröffentlichungsjubiläum ist nun eine deutsche Neuübersetzung - die siebte - erschienen. Genauer gesagt gibt es zwei Neuübersetzungen, eine von Matthias Jendis und eine von Friedhelm Rathjen, denn, weiß der Rezensent, die Übersetzungsarbeit hatte Rathjen und Jendis, der zunächst Rathjens Text redigiert hatte, so sehr entzweit, dass der Hanser-Verlag die Aufgabe Jendis übertrug und Rathjen nun Auszüge seiner Übersetzung in der Zeitschrift "Schreibheft" veröffentlicht hat. Zimmer hat sie beide gelesen und mit dem Original verglichen. Jede der Übersetzungen spricht für sich, meint der Rezensent, aber beide sprechen eine unterschiedliche Sprache.
1) Herman Melville: "Moby-Dick"
Zunächst spendet Zimmer Daniel Göske, Herausgeber der Hanser-Ausgabe, ein dickes Lob, denn die Ausgabe ist mit einem "vorzüglichen" Anmerkungsapparat versehen, befindet der Rezensent. Auch wenn es schon sechs Übertragungen ins Deutsche gibt, die Zimmer durchweg recht gelungen findet, hält er Jendis' Text nicht für überflüssig. Er sei zwar eher explikativ angelegt und glätte zugunsten einer leichteren Lesart manch verschrobene Schreibweise des Autors, trage also mithin zu einer "Schönung" des Originals bei, aber die unterschiedlichen Sprachstile Melvilles seien trotzdem erhalten geblieben. Einen Vorzug gegenüber den vorangegangenen Übersetzungen sieht Zimmer darin, dass Jendis deren Schnitzer weitgehend korrigiert hat, eine präzisere nautische Terminologie verwendet und dem Leser die Sprache Melvilles als historisches Phänomen vorführt.
2) "Schreibheft - Zeitschrift für Literatur", 57/2001
Weniger positiv schneidet Rathjens Übertragung ab. Die Zeitschrift "Schreibheft" hat daraus 28 Kapitel (1.000 Seiten umfasst Rathjens Manuskript im Ganzen) abgedruckt. Rathjen ist für Zimmer zwar der genauere Übersetzer, aber sein Anliegen, Melvilles brüchige Literatursprache in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit originalgetreu ins Deutsche zu übertragen, hält der Rezensent für gescheitert. Einerseits hat sich Rathjens Akribie für den Rezensenten nach einem genauen Abgleich mit dem Original streckenweise als bloßer Schein erwiesen, andererseits solle sich der Leser, der es so genau wissen will, grundsätzlich immer an das Orginal halten, findet Zimmer. Schlecht sei Rathjens Übersetzung nicht, für Zimmer ist sie schlicht ein Irrtum.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 13.10.2001

Sehr lang, sehr ausführlich und sehr kundig in der Interpretation, der Übersetzungs- und der Rezeptionsgeschichte widmet sich Uwe Pralle zwei neuen Übersetzungen von Moby Dick - eines der meistgelesenen Bücher der Weltliteratur. Die eine Übersetzung, die von Matthias Jendis, findet der Rezensent überaus gelungen. Die zweite von Friedhelm Rathjens, die lediglich auszugsweise in der Zeitschrift "Schreibheft" erschienen ist, stößt bei Pralle auf einige Kritik. Melvilles Klassiker erlaubt dem Leser, so Pralle, verschiedene Arten des Herangehens. Man kann dieses beeindruckende Buch, das bei seiner Ersterscheinung Ende des 19. Jahrhunderts für Verstörung sorgte, als Abenteuerroman, Essay oder Parabel lesen. Viel steckt in diesem Roman über die wahnwitzige Sucht des Kapitäns Ahab, Natur und Raum beherrschen zu wollen - für Pralle eine deutliche Anspielung auf den Größenwahn der USA, die Welt beherrschen zu wollen. Melville selbst hat den Roman als "Entwurf eines Entwurfes" bezeichnet, als Provisorium, eine Bewertung, die Pralle doch etwas bescheiden vorkommt. Etwas provisorisch allerdings, zumindest sehr sperrig, ist Melvilles Sprache, an der sich Generationen von Übersetzern abgearbeitet haben, berichtet der Rezensent. Die nun vorliegende Übertragung von Matthias Jendis erntet größtes Lob vom Rezensenten. Sie sei hervorragend lesbar, weder habe Jendis das Sperrige von Melvilles stilistischen Anstrengungen ausgelöscht, noch zugunsten einer modernen Lesart gewagte Arabesken und Sprachlabyrinthe des geradezu avantgardistischen Autors geopfert. Und der ausgezeichnete Kommentarteil der Hanser-Ausgabe löst für Pralle vieles ein, was man sich für eine deutschsprachige Ausgabe von "Moby Dick" nur wünschen kann.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 10.10.2001

Vor zehn Jahren, zu Herman Melvilles hundertstem Todestag, planten Redakteure und Mitarbeiter der Literaturzeitschrift "Schreibheft", das literarische Meisterwerk "Moby Dick" von Herman Melville für den Hanser Verlag neu zu übersetzen (im Deutschen lagen bis dato fünf Übersetzungen vor), berichtet Kristina Maidt-Zinke. Als Übersetzer hatten sie Friedhelm Rathjen auserkoren, Matthias Jendis sollte ihm als Assistent zu Seite stehen. Doch es kam anders, der Herausgeber der Hanser-Ausgabe, Daniel Göske, zerstritt sich mit Rahtjen und machte Jendis zum alleinigen Übersetzer. Nun liegen beide Übersetzungen, Rathjens in Ausschnitten in der Nr. 57 der Literaturzeitschrift "Schreibheft, die von Jendis komplett bei Hanser.
Jendis' Version verdankt Rathjen viel, merkt die Rezensentin vorab an, denn zwei Jahre lang hatten die beiden Übersetzer immerhin miteinander kooperiert. Die Übersetzung von Jendis liest sich sehr geschmeidig, findet Maidt-Zinke. Der Leser fühle sich hier wie auf dem blankpolierten Sonnendeck eines Kreuzfahrtschiffs. Allerdings räumt die Rezensentin ein, dass dies zunächst nichts Schlimmes sei, denn wie bei der Aufführung von Musik gehe es auch beim Lesen nach dem Gusto des Rezipienten, und da mag der eine mehr den Ton der Originalinstrumente, der andere hingegen das klangliche Erleben der aktuellen Zeit. Die Hanser-Ausgabe ist für Maidt-Zinke zweifelsohne ein philologisch gesehen enormer Gewinn, allein schon, um Melvilles Meisterwerk wieder in Erinnerung zu bringen.
Die 28 Kapitel der Rahtjen-Übersetzung, die nebst einem Aufsatz des Übersetzers, in dem er seine Kriterien offen legt, im Schreibheft abgedruckt sind, sprechen für die Rezensentin eine deutlich andere Sprache. Jede Eigenheit des Originals habe Rathjen bewahren wollen, und entsprechend krude habe sich das in der Übertragung niedergeschlagen, berichtet die Rezensentin. Brüche und Ungelenktheiten, Errata und Inkonsistenzen des, wie Melville selbst gesagt hatte, "Entwurfs eines Entwurfs", habe Rathjen zu erhalten gesucht. Und so fühle sich der Leser hier eher wie auf einem unaufgeräumten Schiffsdeck, auf dem allerlei Dinge breit verstreut herumliegen. Auch wenn die Übersetzung von Rathjen Maidt-Zinke mehr zu imponieren scheint als die von Jendis, gilt für sie auch hier, den Leser selbst entscheiden zu lassen.
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