Henry Roth

Ein Amerikaner

Roman
Cover: Ein Amerikaner
Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2011
ISBN 9783455403213
Gebunden, 382 Seiten, 23,00 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Heide Sommer. Henry Roth hatte eine ungewöhnliche Schriftstellerkarriere. Sein erster Roman "Nenn es Schlaf" (1934) wurde in Amerika zu einem großen Erfolg und zum Klassiker. Es folgten sechs Jahrzehnte der Schreibblockade, bis er mit über achtzig Jahren nach dem Tod seiner Frau zum Schreiben zurückkehrte und in einem Schaffensrausch Tausende von Manuskriptseiten verfasste, die später in einen vierbändigen Romanzyklus einflossen. Romanheld und Alter Ego in all seinen Werken ist die jüdisch-amerikanische Figur des Ira Stigman, dessen Lebens- und Leidensweg fast ein ganzes Jahrhundert umfasst. "Ein Amerikaner" ist der Abschluss seines Werks, in dem Roth nicht nur die dreißiger Jahre in Amerika wiederaufleben lässt, sondern auch seiner Ehefrau, der Pianistin und Komponistin Muriel Parker, ein Denkmal setzt.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 23.02.2012

Kilian Trotier taucht in den Inhalt des Romans ein, nur um darin den verstorbenen Autor selbst zu finden. Ira Stigman ist Henry Roth: ein Getriebener, ein Schwächling mit Schreibblockade, der erst durch die Begegnung mit der Liebe seines Lebens - M. in der Geschichte, Muriel ehemals in Fleisch und Blut - gerettet wird. Der Rezensent folgt den Anfängen dieser Liebe, Stigmans hilflosem Kampf um Unabhängigkeit von seiner Mäzenin Edith und seiner Flucht in die verheißungsvollen Arme M.'s. Trotier sieht in diesem fünften Teil der autobiografischen Romanreihe "eine rücksichtslos selbstzerfetzende literarisierte Reise durch das eigene Leben", durch ein Leben, das mit der Liebe den einzigen Fixpunkt verloren hat und sich in die Erzählung geflüchtet hat, um dort alle Schwächen offenzulegen. Dabei scheint ihm vieles noch vorläufig und roh - aber schließlich wurde der Roman auch erst posthum aus 2000 unsortierten Manuskriptseiten befreit.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 01.09.2011

Da Henry Roth vor allem als berühmtestes Beispiel einer fast lebenlangen Schreibblockade gilt, begrüßt Bernadette Conrad den posthum erschienenen Roman "Ein Amerikaner" besonders. Hier kann man nämlich einen Erzähler entdecken, der ungemein komisch ist und von Geschichten aus dem jüdischen Einwanderermilieu nur so sprudelt, schwärmt sie. Wie schon sein Alterswerk "Mercy of a Rude Stream", das Roth mit über 80 Jahren schrieb, ist auch die Hauptfigur dieses Romans autobiografisch angelegt, erfahren wir. Erzählt wird die Geschichte des Sohns jüdischer Einwanderer, der vor seiner Mäzenatin und vor seiner künftigen Frau quer durch Amerika flieht, erklärt die Rezensentin. Sie ist hingerissen von der komischen und selbstironischen Darstellung nicht nur des Protagonisten, sondern der vielen skurrilen Gestalten seiner Verwandtschaft, die unter Entwurzelung und Antisemitismus in der neuen Heimat leiden. Nicht verschweigen will die Rezensentin, dass der Roman vom Lektor des "New Yorker", Willing Davidson, aus einem ungeordneten Textkonvolut erst zusammengestellt und mit einer Rahmengeschichte versehen worden ist. Aber das Ergebnis überzeugt sie offensichtlich, und sie gibt ihrer Hoffnung Ausdruck, dass der 1995 gestorbene Autor noch von vielen Lesern als faszinierender Erzähler entdeckt wird und nicht nur als derjenige in Erinnerung bleibt, der fast 60 Jahre nicht schreiben konnte.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.06.2011

Rezensent Andreas Nohl gibt sich als begeisterter Henry Roth-Liebhaber zu erkennen, das macht seine ausführliche Besprechung des Roth-Werkes mehr als deutlich. Für ihn ist Roth einer der größten jüdisch-amerikanischen Autoren. Umso enttäuschter ist der Rezensent, dass "Ein Amerikaner", der fünfte Band des autobiografischen Romanzyklus "Die Gnade eines wilden Stroms", nicht an die Qualität der Vorgänger anknüpfen kann. Das liegt für Nohl allerdings nicht an Roths Geschichte um den jüdischen Schriftsteller Ira, der in den Jahren der Depression gegen Antisemitismus und seine künstlerischen Selbstzweifel kämpfen muss, sondern an einer Fehlentscheidung der Herausgeber: während die vier Vorläuferbände vor allem dadurch bestechen, dass sie aus Erinnerungsfragmenten bestehen und damit, so Nohl, die Zerrissenheit des alternden Autors verdeutlichen, wurden hier die 2000 Manuskriptseiten aus dem Nachlass des Autors in eine "brave" chronologische Erzählung auf 370 Seiten gezwungen. Das Ergebnis ist für den Rezensenten ein "Braten aus zusammengeklebtem Fleisch".
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 04.06.2011

Ausführlich erzählt Christopher Schmidt in seiner Rezension vor allem die erstaunliche Geschichte dieses Romans. Henry Roth, so Schmidt, war der berühmteste Fall einer Schreibblockade in den USA. Über Jahrzehnte brachte er nach seinem erfolgreichen Erstling "Nenn' es Schlaf" keinen Roman mehr zustande, bis er im hohen Alter noch mit einem vierbändigen Werk überraschte. Der vorliegende Roman ist das Dokument der Blockade, zusammengestoppelt von einem "New Yorker"-Redakteur, was vor allem deshalb passt, weil der Held des Romans sich ebenfalls aus einer Schreibblockade rettet - und zwar durch eine Kurzgeschichte, die im "New Yorker" erscheint. Schmidt hat dieser Einblick in das Amerika der Dreißiger mit seinen Fords des Modells A , den Hobos und der Depression merklich fasziniert. Manche Passagen wirkten zwar unausgearbeitet, andere aber hätten lyrische Dichte. Schmidt bemängelt noch die Modernismen in Heide Sommers Übersetzung, die "wie Dartpfeile in den sprachlichen Jahresringen" des Romans steckten.
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