Hengameh Yaghoobifarah

Schwindel

Roman
Cover: Schwindel
Blumenbar Verlag, Berlin 2024
ISBN 9783351051235
Gebunden, 240 Seiten, 23,00 EUR

Klappentext

Freitagabend, ein Hochhaus, 15. Stock. Avas Date mit Robin läuft perfekt. Bis es klingelt und zwei unerwartete Gäste vor der Tür stehen: Delia hat das Handy in Avas Schlafzimmer liegen lassen und will es abholen kommen. Silvia möchte Ava zur Rede stellen, denn seit einer Weile wird sie geghostet. In Avas Flur begegnen sich die drei Liebhaber_innen nun zum ersten Mal. Überfordert flüchtet Ava auf das Dach des Hochhauses, die anderen laufen ihr hinterher. In der Eile bringt niemand den Schlüssel oder ein Handy mit. So wird aus einem Date zu zweit eine gemeinsame Mission zu viert. Das Ziel: runterkommen vom Dach. Doch der Weg dorthin birgt Konflikte und Enthüllungen. Robin, Delia und Silvia kämpfen auf ganz eigene Weise um Avas Nähe und Aufmerksamkeit... In "Schwindel" erzählt Hengameh Yaghoobifarah über queeres Begehren.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 01.03.2025

Die interessantesten Impulse der gegenwärtigen Kultur kommen aus queeren Kreisen, bekundet Kritikerin Nora Karches, unter anderem aus Hengameh Yaghoobifarahs zweitem Roman. Das Buch nimmt vier Figuren in den Blick, die sich aus Versehen auf dem Dach eines Hochhauses ausgesperrt haben und die miteinander in polygamen Verhältnissen stehen, ein Milieu, in dem Gespräche möglichst verletzungsfrei ausgehandelt werden sollen, in dem Sprache als Machtinstrument verstanden wird. Die etlichen Rückblenden, die beispielsweise schildern, wie die Nichtbinarität einer der Figuren medizinisch gewaltvoll behandelt wurde, erklären einerseits, wie die Situation der Erzählgegenwart zustande gekommen ist, lenken andererseits zum Teil auch von der Haupthandlung ab, so Karches. Ihr kommt es mit diesen Wechseln des Erzähltempos vor, "als sei ein ausladender Fell-Sattel aufs Rennrad montiert" - insgesamt macht ihr Spaß, wie Yaghoobifarah sich in Form von Literatur eine Neuordnung der Welt vor allem in Bezug auf Geschlechtergerechtigkeit vorstellt.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 20.11.2024

Mutig, gelungen und besonders. Hengameh Yaghoobifarahs überaus gelungener Roman hat Rezensent Stefan Michalzik auch deshalb so gut gefallen, weil er sich jeder Einordnung verweigert. Über die Themen Sehnsucht, das Bedürfnis nach Nähe und den begehrten Körper, der zur Obsession wird, entsteht eine universelle Zeichenlehre aller liebenden Seelen, unabhängig von ihrer Orientierung. Gleichzeitig liegt der Fokus auf dem queeren Milieu, das ebenfalls in Frage gestellt wird. Für Robin etwa bedeutete lesbisch zu sein, den gesellschaftlichen Normierungen von Liebe zu entkommen, doch auch in der queeren Community müsse man sich an Konventionen und Erwartungen anpassen, erfährt Michalzik durch Avas Konfrontation mit ihrer lesbischen Mitbewohnerin, den eigentlichen Plot des Romans. So erzähle Yaghoobifarah fernab eines politisch manifesten Tons, was den Roman in seiner literarischen Unterhaltsamkeit und Kraft aufblühen ließe. Humorvoll spiele Yaghoobifarah mit gesellschaftlichen Klischees und dekonstruiere sie, weshalb Michalzik diesen kammerspielartigen Dialog nur empfehlen kann.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 12.10.2024

Sehr angetan ist Rezensentin Aurelie von Blazekovic von Hengameh Yaghoobifarahs zweitem Roman, in dem vier Menschen auf einem Dach landen, das sie nicht verlassen können, weil die Tür zugefallen ist und sich von außen nicht öffnen lässt. Nicht ausweichen können deshalb Ava, Robin, Delia und Silvia dem queeren Beziehungskuddelmuddel, in das sie sich hineinmanövriert haben. Im Zentrum steht laut Rezensentin Ava, die Robin liebt, aber früher auch etwas mit der Trans-Person Delia und mit Silvia hatte, einer Lesbe, die deutlich älter ist als die drei anderen. Interessant findet die Rezensentin an diesem Buch unter anderem, wie Yaghoobifarah Online-Slang - Beispiele: "hippie-stoner-zu-420dyke-pipeline", "passenger princess" - nutzt, was darauf verweise, dass queere Sozialisation heute weitgehend über das Internet verläuft. Es gelingt der Autorin, identitätspolitische Fragen um queeres Begehren leichtfüßig zu fiktionalisieren, lobt Blazekovic. Auch Drogenerfahrungen spielen eine Rolle, heißt es weiter, gelegentlich halluzinieren die Buchstaben selbst mit. Insgesamt ein lesenswertes Buch über relevante Gegenwartserfahrungen, das letztlich offen lässt, wie sich die beschriebenen queer-polyamoren Beziehungen zu ihren heteronormativen Gegenstücken verhalten, schließt die Kritikerin.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 28.09.2024

Zwischen Schwindel und Schwindeleien bewegt sich der neue Roman von Hengameh Yaghoobifarah, hält Rezensentin Jolinde Hüchtker fest: Es geht auf klassische Kammerspielart um die Poly-Beziehung zwischen Ava, Robin, Delia und Silvia, die sich "als komplettes Desaster" entpuppt. Zwischen Dauerkiffen, Traumabonden und Sexpositivität schaut Yaghoobifarah genau auf den Slang der Leute, die da porträtiert werden, Klischees von Lesben mit Karabinern spielen ebenso eine Rolle wie Anglizismen, Therapy Speak und eine fast überbordende Körperlichkeit, erfahren wir. Das ist bisweilen etwas überladen, aber gerade deshalb äußerst unterhaltend, befindet Hüchtker.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.09.2024

Selten wurde so aufregend über Begehren geschrieben wie in Hengameh Yaghoobifarahs queerem Roman, versichert begeistert die Rezensentin Rezensentin Amira El Ahl. Die Ausgangssituation: Ava ist bei einem Date mit Robin, landet dann aber mit diesem und außerdem ihren ehemaligen Delia und Silvia auf dem Dach, wo die vier auch erst einmal bleiben müssen, weil die Tür zufällt. Die Konstellation ist explosiv, erfahren wir, es geht unter anderem um die verschiedenen Facetten von Queerness, Silvia zum Beispiel ist eine ältere Lesbe, die die Sprache der anderen - mitsamt Ausdrücken wie "menty b." und "Gay Origin Story" nicht spricht und barsch zurechtgewiesen wird. Wenn Delias Perspektive aufgegriffen wird, schreibt Yaghoobifarahs statt "er" und "sie" "demm" und "dey", um eine nichtbinäre Erzählposition zu markieren. Gelegentlich kommen El Ahl solche Techniken etwas erklärbärig vor, aber insgesamt gefällt ihr außerordentlich gut, wie Yaghoobifarahs Roman ihr die Lebenswelten queerer Menschen näher bringt. Bitte mehr davon, wünscht sie sich.

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