Einer der berühmtesten Psychiater des Fin de Siecle war der gebürtige Mannheimer Gelehrte Richard Freiherr von Krafft-Ebing (1840 - 1902), der in Graz und Wien lebte und wirkte. Er galt in seiner Zeit vielen als der universelle Geist der noch jungen Irrenheilkunde. Er lehrte an drei Universitäten, leitete ein Sanatorium und vier Irrenanstalten und prägte durch seine Forschungen die psychiatrische Wissenschaft wie wenige neben ihm. Berühmt (und berüchtigt) wurde er vor allem durch seine Forschungen zu sexuellen Perversionen: In seinem zum Klassiker gewordenen Buch Psychopathia sexualis (1886) sammelte er zahlreiche Fallberichte zu solchen Verirrungen und gab ihnen in einigen Fällen auch die heute noch geläufigen Namen (Sadismus, Masochismus).
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.06.2011
Längst überfällig war dieses Buch, meint Rezensent Robert Jütte. Denn bislang existierten nur eine Handvoll Spezialstudien zu dem seinerzeit weltberühmten Sexualwissenschaftler Richard Krafft-Ebing. Die von Heinrich Ammerer vorgelegte Biografie, bei der es sich um das Konzentrat seiner Dissertation handelt, erhellt nun sowohl das Privatleben als auch die wissenschaftlichen Leistungen Krafft-Ebings unter Heranziehung umfangreichen Quellenmaterials, so die Kritik. Herausgekommen ist das facettenreiche Porträt einer von Kollegen geachteten, von Patienten geschätzten und bei der Presse beliebten Persönlichkeit, notiert Jütte. Die zu leichten Redundanzen führende Zweiteilung des Buches in die Bereiche Leben und Werk findet der Rezensent zwar suboptimal, verschmerzt sie aber letztlich aufgrund des gut lesbaren Stils. Ammerers Verdienst hingegen, Krafft-Ebing vor einer klischeehaften Reduzierung auf einen mit Themen wie Homosexualität und sexueller Devianz befassten Tabu-Psychologen zu befreien, rechnet Jütte ihm hoch an.
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