Körperliche Gewalt, sexueller Missbrauch, Ruhigstellung durch Zwangsjacken und Medikamente, Einsperren in geschlossenen Räumen, demütigende Strafrituale, lieblose Behandlung - die Bewohnerinnen und Bewohner des St. Johannes-Stifts im sauerländischen Marsberg erlebten das "Fachkrankenhaus für Jugendpsychiatrie" in der Trägerschaft des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) in den Jahren von 1945 bis 1980 als eine Stätte größten Leids und Unrechts.
Auf der Basis lebensgeschichtlicher Interviews mit Betroffenen, ergänzt durch Patienten- und Verwaltungsakten, stellen die Autoren die Perspektive der Opfer in den Mittelpunkt. Außerdem zeigen sie die Rahmenbedingungen auf, die zu einer Subkultur der Gewalt im St. Johannes-Stift führten. Die Analyse wird durch eine umfangreiche Quellendokumentation und einen Bildteil ergänzt.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.12.2018
Reinhard Bingener bewertet die von Franz-Werner Kersting und Hans-Werner Schmuhl vorgelegte Studie als wichtigen Beitrag zur Aufklärung von Vergehen an Schutzbefohlenen. Wie die Gewalterfahrungen junger Psychiatriepatienten im Marsberger St. Johannes-Stift aus der Zeit zwischen 1945 und 1980 aussehen, davon kann sich Bingener anhand des Buches ein Bild machen. Der Ansatz, die dortige Kontrolle gemäß dem Konzept der "totalen Institution" zu betrachten, scheint Bingener sinnvoll. Berichte über Schlafentzug, Elektroschocks, sexuelle Gewalt und medikamentöse Ruhigstellung gehen dem Rezensenten nahe. Mehr erfahren hätte er gerne über den damals dort herrschenden Geist, aus dem solche Gewalt entstand. Dass sich die Autoren mit Einordnungen zurückhalten und mittels Interviews und schriftlichen Quellen auf eine realistische Zustandsbeschreibung und ein ausgewogenes Gesamturteil abzielen, gefällt Bingener.
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