Jenseits jeden Marktgeschreis, unbeirrbar durch Tagesmoden, geht der Lyriker Harald Hartung seinen eigenen Weg. Seine Gedichte aus über vier Jahrzehnten sind ebenso raffinierte wie unaufdringliche Gebilde. Sie fassen die Wirklichkeit in Schnappschüsse, doch im Blitzlicht leuchtet ein Hintersinn auf. Sie holen die Historie als Krieg, Nachkrieg und Gegenwart in die persönliche Geschichte und zeigen die Parzen in der Fußgängerzone. In kunstvollem Übermut verwandeln sie alte Formen in neue Verfremdungen und lassen Trauer in Ironie, Witz in Empfindung umschlagen. Sie tarnen sich als "arme Kunst" und zeigen einen Reichtum der Töne.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.01.2006
Dieser Gedichtband zeugt von echter "Meisterschaft", meint Michael Maar. Er hält das vorliegende lyrische Lebenswerk Harald Hartungs für einen Schatz, "gut für mindestens 5000 happy few", den es dringend zu heben gilt. "Rätselhaft", aber nicht hermetisch, "intim" und allgemein zugleich, eigen in Rhythmus und Schwung, historisch genau, aber dennoch "den nötigen Millimeter" über der Zeit - so charakterisiert Maar diese Lyrik. Voller Hochachtung, auch für die formale Meisterschaft des Autors, erklärt er den Lyriker Hartung für den besseren Historiker. Dessen Graubrotschnitten-Reminiszenz etwa führt ihm eine Vorkriegskindheit eindringlich vor Augen. "Kleine Verschiebungen" lauern in den Gedichten, die ihm neue Perspektiven eröffnen. Kurz: Poesie in Reinform. Und ein thematisches Spektrum, das dem Rezensenten den Atem raubt: Nachkriegszeit, Marx und Chaostheorie, Mauerfall und Bukolisches.
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