In Europa und Deutschland wächst der Islam zu einem Faktor von zunehmender Wichtigkeit. Seine gesellschaftliche Eigendynamik bleibt allerdings in einem Positivbild, das vom interkulturellen "Dialog" in Politik, Kirche und Wissenschaft stereotyp erzeugt wird, weithin ausgeblendet. In einem historischen Systemvergleich der beiden Kulturen sowie ihrer Glaubens- und Machttraditionen entwickelt der Autor klare Strukturen für ein Verständnis der Problematik, welche sich im Rahmen "interkultureller" Zuwanderung und Globalisierung konkret abzuzeichnen beginnt. Dabei werden vermehrt geistige und demokratische Defizite der westlichen, besonders der deutschen Eliten erkennbar, die "Toleranz" zur Machtbasis umformen, indem sie zum Nachteil legitimer Mehrheitsinteressen eine "korrekte" Moral und damit die aktuelle Islamexpansion durchsetzen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.10.2001
Wolfgang Günter Lerch liest dieses Buch in einer sehr angeregten Kritik als eine dialektische Gegenposition zu islamfreundlichen Autoren wie dem spanischen Schriftstellern Juan Goytisolo. Während Goytisolo die Schuld des Westens gegen über dem Islam betone und zeige, wie intolerant der Westen sich gegenüber Moslems in vergangenen Jahrhunderten verhielt, betone Lerch eher eine durch ein sakrales Weltbild zu erklärende Intoleranz des Islam gegen über dem Westen. Leicht zu lesen ist Raddatz' Buch nicht, warnt Lerch, der es durchaus als eine wissenschaftliche Auseinandersetzung versteht und als die "seit Jahren substanziellste Darstellung" des "gestörten Verhältnisses" zwischen dem Islam und dem Westen lobt. Auch bezieht Raddatz nach Lerch eine kritische Position gegenüber den westlichen Multikulturalisten und Dialogversuchen, wie sie häufig von den Kirchen lanciert werden, so dass ihm von Übelmeinenden durchaus auch eine gewisse Islamfeindlichkeit unterstellt werden könnte. Lerch scheint aber zu begrüßen, dass Raddatz durch die Darstellung der islamischen und der westlichen Geistesgeschichte die Gegensätze in ihrer ganzen Schärfe stehen lässt. Als wichtigstes Ergebnis nennt er, dass die "Muslime noch immer (glauben), dass ihre Religion wahr ist", während sich im Westen eine Relativierung religiöser Ansprüche ausgebreitet habe. Abschließend empfiehlt Lerch eine doppelte Lektüre: Raddatz, aber auch Goytisolo - denn beide Standpunkte seien bedenkenswert.
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